Paris

Eine alte Erkenntnis ist in Frankreich die Nachricht der Woche: Auf Popularitätskurven ist kein Verlass. Mal auf, mal ab. Das fast drei Jahre anhaltende Stimmungshoch für die Regierung von Lionel Jospin ist auf einmal eingebrochen. Und das, obwohl die Wirtschaftsdaten ausgezeichnet sind - fürs kommende Jahr wird mit einer Wachstumsrate von vier Prozent gerechnet. Warum sind dann die Franzosen unzufrieden?

Da ist nicht nur der außenpolitische Fauxpas in Israel, mit dem der Premierminister international Schlagzeilen machte: Jospin hatte die jüngsten Anschläge der Hizbullah-Miliz als "terroristische Akte" verurteilt und sein Verständnis für israelische Vergeltungsschläge bekundet. Das mögen die Franzosen ihm bis zur nächsten Wahl verzeihen. Nachhaltiger und längerfristig schädlich könnte der Eindruck sein, dass die französische Linksregierung nicht mehr weiß, was sie will. Hilflos versucht sie seit Jahresbeginn, eine gute Nachricht zu verschweigen: dass nämlich die Konjunktur ihr eine unerwartete Kriegskasse von rund 14 Milliarden Mark beschert hat. Nun weiß niemand, wohin mit dem Geld.

Die Zusammensetzung des Kabinetts ist unausgewogen, seitdem der charismatische Finanzminister Strauss-Kahn zurücktreten musste. Jetzt fehlt die Figur eines glaubhaften Modernisierers. Andere Gestalten haben sich abgenutzt. Innenminister Chevènement, ein enger Vertrauter des Premierministers, wirkt ermattet, ebenso die Sozialministerin Aubry. Aubry hat signalisiert, dass sie nach den Kommunalwahlen 2001 aus der Regierung ausscheiden möchte. Mehrfach schon haben Lionel Jospin und seine Berater einen "neuen Schwung" für die Regierungsarbeit versprochen, doch welchen Themen oder Problemen dieser Schwung gelten soll, haben sie nicht zu erkennen gegeben. Die regierungsamtliche Ratlosigkeit nutzt der Intrigenmaschinerie des politischen Gegenspielers, des neogaullistischen Staatspräsidenten Jacques Chirac. Aus dem Präsidentenpalast, in den Jospin bei der nächsten Gelegenheit - im Jahr 2002 - gern einziehen möchte, wird dem Premierminister jetzt immer lauter Immobilismus vorgeworfen.

Nicht zu Unrecht. Die Regierung hat unter dem schiedsrichterlichen Vorsitz von Lionel Jospin in den vergangenen Jahren eine Reihe von wichtigen Entscheidungen vorbereitet: Verwaltungsreform, Steuerreform, Rentenreform.

Sie hat bei renommierten Experten Grundlagenuntersuchungen bestellt. Sie hat die Ergebnisse veröffentlicht und öffentliche Debatten inszeniert, ganz so, als ob sie am Ende tatsächlich Bilanz ziehen und handeln wolle.

Gefolgt ist jeweils - nichts. Nun stehen soziale Konflikte bevor. In den Schulen und im öffentlichen Dienst, bei den ureigenen Wählern der Linken, rumort es. Der Weg zum Gipfel jedes französischen Politikerlebens, dem Präsidentenamt, führt für Lionel Jospin zurzeit an einem Abgrund entlang.