Irgendetwas Erotisches hast du aus Paris wahrscheinlich erwartet. Zu Recht. Also: Ich habe dir eine Schachtel mit Eiersandkuchen in Muschelform mitgebracht, die sich Madeleines nennen. Erotisch sind sie nicht wegen ihrer delikaten Konsistenz, sondern wegen ihrer vielen Geheimnisse.

Erotik fängt ja bei der Verpackung an. Zuerst siehst du natürlich das schwarzweiße Papier von Fauchon und die rosa Schleife, die sie dort mit tiefem Ernst binden. Hier geht es nicht etwa um Esskultur, sondern um Kultisches. Mindestens so weihevoll wie die Kirche Sainte Madeleine, in deren Windschatten das Pariser Delikatessenhaus liegt. Schon in den dreißiger Jahren hat Auguste Fauchon, ein aufgestiegener Gemüsehändler, sein Haus zum Wallfahrtsort gemacht für alle, die das Lamm Gottes nur mit den richtigen Gewürzen preisen - die waren anfangs seine Spezialität. Längst ist Fauchon einfach spezialisiert auf das Beste. Und Madeleines gehören natürlich dazu.

Damit das Ausziehen aufregender wird, habe ich mein Mitbringsel zusätzlich eingewickelt in ein paar Geschichten mit vertrackten Knoten. Wie die meisten gebildeten Menschen hast du die tausend Seiten Auf der Suche nach der verlorenen Zeit natürlich im Regal stehen, aber nie ganz gelesen. Eine Stelle kennst du allerdings wie alle gebildeten Menschen genau: Wo Marcel Proust beschreibt, wie er Madeleines in seinen Tee taucht und ihn ein Glücksgefühl durchströmt. Weil er schlagartig erinnert wird an Sonntagvormittage in der Kindheit, wo er bei Tante Léonie vorbeischaute. Und sie ihm Madeleines anbot, nachdem sie sie in Lindenblütentee getaucht hatte.

Bis dahin ist die Sache eher analytisch als erotisch von Interesse. Alles ganz übersichtlich: Die Madeleines heißen nach der humorlosen Kirche, und Marcel Proust wohnte mit seinen Eltern bekanntlich direkt an dieser Place de la Madeleine. Das Hinterhältige ist nur, dass die Madeleines nicht nach dieser Kirche heißen, denn sie wurden in Lothringen, in Commercy, erfunden.

Deswegen steht auf der ovalen Spanschachtel auch drauf: A la Cloche Lorraine - Madeleines de Commercy.

Wahrscheinlich, sagst du dir, war Prousts Tante eben aus Commercy. Leider nein: Die wohnte in Combray. Wahrscheinlich, wirst du nun mutmaßen, heißen die Dinger nach der Heiligen Maria Magdalena, denn die ist der Legende nach vor ihren Verfolgern aus Jerusalem geflohen und in Frankreich gelandet.

Blöderweise aber in Marseille ...