Sechs Uhren hängen im Foyer. Sie zeigen die Zeit in New York, London, Moskau, Tokyo, Sydney - und in Lahti. Zwinkert da die finnische Stadt mit ihren gerade mal 100 000 Einwohnern etwa selbstironisch? Keineswegs. Wo einst die famosen Architekten Eliel Saarinen und Alvar Aalto das Stadthaus und die Kreuzkirche bauten, wurde gerade der schönste Konzertsaal Skandinaviens eröffnet: Sibeliustalo, die Sibelius-Halle. Damit macht Lahti nicht nur Europas Kulturhauptstadt Helsinki 100 Kilometer weiter südlich Konkurrenz oder den anderen finnischen Festivalorten Savonlinna, Kuhmo oder Pori. Nein, von Amerika bis Australien soll man jetzt von Lahti hören.

Schon seit ein paar Jahren versetzt das lokale Orchester, die Sinfonia Lahti, unter seinem Leiter Osmo Vänskä die internationale Fachwelt in Verzückung.

Für Bruckner und Mahler ist es immer noch auf Gehilfen aus anderen Orchestern angewiesen, aber die Sibelius-Aufnahmen sind grandios. Damit hat Lahti New York, London und Tokyo längst erobert und ist auch jetzt wieder dorthin eingeladen. Vänskä, Schüler des ehrwürdigen Jorma Panula an der Sibelius-Akademie, der Kaderschmiede für finnische Pultstars wie Salonen, Saraste oder Oramo, tourt ebenfalls für Finnlands Prestige über die internationalen Podien. Zu Hause allerdings mussten alle Aufnahmen in Aaltos Kreuzkirche gemacht werden, weil es im alten Konzertsaal Lahtis, einem winzigen Provisorium, so klingt wie im Wohnzimmer von Ministerpräsident Lipponen.

Damit ist jetzt endgültig Schluss. Für den Bau des neuen Saals konnten die Verantwortlichen sogar den Akustikexperten Russell Johnson aus New York mit seinem kompletten Artec-Team nach Lahti locken. Johnson, der schon die viel gepriesenen Konzertsäle in Birmingham und Luzern mitbaute, hat in Finnland sein System verdeckter Klangkammern auf die Spitze getrieben. Die Wände des dreigeschossigen, durch rote und helle Hölzer vertraulich gehaltenen ovalen Raums bestehen aus lauter beweglichen Türen, hinter denen riesige Kunststoffsegel den natürlichen Nachhall des Raums dämpfen sollen. "Jeder Quadratzentimeter ist wichtig", sagt Johnson. Mehr will er vom Klanggeheimnis bei der Eröffnung der Halle nicht verraten und lässt stattdessen einfach sein knurrendes Gelächter hallen.

Die eigentlichen Konstrukteure von Sibeliustalo, die beiden jungen finnischen Architekten Hannu Tikko und Kimmo Lintula, stehen artig blinzelnd daneben - wie Artur und Jeremias, die Gehilfen in Kafkas Schloss. Sie haben Johnsons Vorgaben mit einer Exaktheit ausgearbeitet, die an ein Wunder grenzt. Der Saal scheint von außen nach innen gebaut: Zur Stadt und zum See hin, an dem sie liegt, schützen eine gewaltige Glasfront und eine mehrfach geschichtete Holzwand den Saal vor den Unwägbarkeiten des Klimas und den tutenden Signalen der Passagierschiffe.

Das Geheimnis des Klangs: Jede Wand ist eine Tür

Nachmittags bei der Probe und abends im Eröffnungskonzert die Nagelprobe mit der Uraufführung von Kalevi Ahos 11. Symphonie: Wie klingt der Saal? Nun, trotz der fulminanten Entladungen im Stück brüllt er nicht, er hält stand, der Nachhall ist rund und natürlich, man hat den Eindruck erstaunlich gesunder Intimität. Möglicherweise bevorzugt er ein wenig die Bläser, sodass Vänskä und die Seinen in den nächsten Wochen noch sehr genau probieren müssen, wie sie die Instrumentengruppen über das Podium verteilen. Doch trotz aller motorischen Zuspitzungen und Knalleffekte der Schlagzeuger bleibt der Sound jederzeit differenziert, ohne sich gläsern aufzusplitten.