Es war nur ein versteckter Hinweis, doch der hatte es in sich. "Ich verstehe nichts von Internet-Aktien", sagte der chinesische Partei- und Staatschef Jiang Zemin beim Empfang von Delegierten aus Hongkong am Rande des Nationalen Volkskongresses, der bis Mitte der Woche in Peking tagt. Dabei empfahl der mächtigste Kommunist der Welt seinen Parteidienern im gleichen Atemzug, dass sie die Entwicklungen im Hochtechnologiebereich genau verfolgen mögen, um China fit für die neue Wirtschaft zu machen.

Jiangs scheinbar beiläufige Worte gaben einer chinesischen Aktienmanie die Weihe, die erstmals in der Geschichte nicht nur die traditionellen Börsenzentren Hongkong und Shanghai heißlaufen lässt, sondern auch die weit entfernte Hauptstadt ansteckt. Peking war bisher das letzte Bollwerk gegen den Finanzkapitalismus. Hier regierte die Partei aus allen möglichen Beweggründen, aber nicht mit dem, eine schnelle Mark am Aktienmarkt zu verdienen. Selbst als Mao und Marx in Vergessenheit gerieten, konnten die Pekinger stets von sich behaupten, dass sie nicht so geldgierig wie die Südchinesen waren, dafür aber von politischen und nationalen Fragen mehr verstanden. Es galt die Regel: Jeder Taxifahrer in Shanghai kennt die aktuellen Börsenkurse, und jeder Taxifahrer in Peking den neuesten Witz über die Parteiführung.

Inzwischen aber mischt der Internet-Boom auch die ältesten Mentalitätsunterschiede im Reich der Mitte auf. "Peking sieht rot", titelt die englischsprachige Hauptstadt-Zeitung City-Edition in ihrer Märzausgabe und meint damit nicht etwa die vielen roten Fahnen, die den Volkskongress willkommen heißen, sondern die neu entdeckte Börsenliebe der Stadtbevölkerung.

Schon bieten über achtzig Wertpapier-Verkaufsstellen in Peking den Neobörsianern alle Möglichkeiten, über vernetzte Computersysteme ins Marktgeschehen einzugreifen. Dabei ist es den chinesischen Investoren bisher nicht erlaubt, ihr Geld an der internationalen Börse in Hongkong oder im Ausland anzulegen. Sie müssen mit den Aktienmärkten in Shanghai und Shenzhen (nahe Hongkong) vorlieb nehmen, an denen nur Unternehmen aus der Volksrepublik notiert sind. In der Vergangenheit wirkte das abschreckend: Bis zum letzten Jahr hatten 70 Prozent aller chinesischen Investoren an der Börse mehr Geld verloren als gewonnen. Doch davor fürchtet sich heute kaum noch wer.

Pünktlich zu Beginn des Drachenjahres am 5. Februar stürmten Abertausende von Anlegern die Wertpapierhäuser, und schon am 15. Februar wurde landesweit die Rekordzahl von 95 Milliarden Aktien an einem Tag verkauft. Tags darauf erreichte der Aktienmarktindex in Shanghai seinen bislang höchsten Stand.

Insgesamt ist die Zahl der Aktieninhaber in China innerhalb von zwölf Monaten von 30 auf 45 Millionen geklettert. Den entscheidenen Anstoß gab eine neue Verordnung, die die Mindesteinlage für die Eröffnung eines privaten Aktienkontos von umgerechnet 20 000 Mark auf 40 Mark herabsenkte. Seither können auch Rentner und Arbeitslose von bankrotten Staatsunternehmen, deren Zahl im Norden Chinas besonders hoch ist, ihr Glück an der Börse versuchen.

Verlieren sie dabei ihr letztes Geld, lässt das die regierenden Kommunisten kalt. Denn ihnen ist mittlerweile jeder Weg recht, die riesigen privaten Sparguthaben der Chinesen (Gesamtsumme 1998: 1300 Milliarden Mark) in die unter Deflationsdruck dahindümpelnde Wirtschaft zu pumpen.