Der Behinderte ruft bei Russen Lachkrämpfe, Gehässigkeit und das Bedürfnis hervor, ihm den Rest zu geben. Die Russen sind mitleidig, aber ohne Mitgefühl. Den Einbeinigen traktieren sie mit seiner eigenen Krücke. Den Beinlosen stoßen sie in die nächste Pfütze. Dem Einäugigen drücken sie das zweite Auge ein. Die schwangere Frau ist auf ihre Art ebenfalls behindert darum hetzt man gern den Hund auf sie. Aber manchmal, wenn an den Zäunen die Astern blühen, dichten die Russen wunderbare Lieder über die Invaliden.

Deshalb sollte man in Russland besser nicht alt und krank werden und auf keinen Fall behindert sein. Die klassische russische Literatur von Turgenjew bis Tolstoj hat dem Leser erklärt, dass der Held kein Recht auf physische Mängel hat. Sie sind beinahe so schlimm wie moralische Schwächen. Die berühmten hässlichen Ohren des Gatten von Anna Karenina sind bereits ein Signal für das nahende Unheil. Es gibt keinen guten Ehemann mit schlechten Ohren. So ein Ehemann muss betrogen werden. Das ist die Folge eines generell intoleranten Verhältnisses zum Körper.

Zu sowjetischen Zeiten gab es in Moskau verdächtig wenig Krüppel und Behinderte. Während der Perestrojka stellte sich heraus, dass eine geheime Anweisung existierte, die Behinderten, darunter viele Invaliden aus dem Krieg gegen Hitler, aus Moskau in entlegene Gegenden auszusiedeln, damit sie nicht die Stadtlandschaft verschandelten. Kommunismus und Invalidität waren unvereinbar. Kommunismus und Aufs-Klo-Gehen waren ebenfalls unvereinbar. Wie die Leute damals gepinkelt haben, weiß bis heute keiner. Die Generation meines Vaters, der jetzt auf die Achtzig zugeht, genierte sich gar, eine Brille zu tragen. Brillenschlange! Brillenschlange!, hänselten die Kinder in der Schule und zeigten mit den Fingern auf irgendein kluges Mädchen mit Brille. Mein Vater weigert sich bis heute, mit Brille Auto zu fahren.

Impotenz war schlimmer als Aussatz, und um jemandes guten Ruf zu zerstören, musste man nur schmutzige Gerüchte über dessen Impotenz verbreiten. Heute ist es in Mode, das Thema Impotenz durch Gerüchte über homosexuelle Neigungen zu ersetzen.

Seit ein paar Jahren behandelt man Behinderte etwas besser. Es gibt Hilfsprogramme für geistig behinderte Kinder, doch die russischen Städte sind wie zuvor für Behinderte ungeeignet. In Russland haben Behinderte nichts verloren. Sie sollten sich besser erschießen.

ÜBERSETZUNG BEATE RAUSCH FOTO DETLEV STEINBERG Viktor Jerofejews Buch Fluß (verfasst mit Gabriele Riedle) ist im Aufbau-Verlag erschienen