Ein Bild wie ein Knall. Minutenlang hatte Finsternis geherrscht im Hamburger Thalia Theater, totale Finsternis. Und Stille, absolute Stille. Nur ein-, zweimal ein kurzes Stimmengeflacker dort vorn, wo man die Bühne vermutet, ein dünner Lichtstreif - dann wieder stockdunkle, stockstumme Nacht. Nicht einmal die Notbeleuchtung funzelt. Im Parkett ist es unruhig geworden. "Licht an!", kräht jemand. Doch nichts geschieht, nicht das Allermindeste.

Dann dieser Donnerschlag, eine Explosion von Licht - und jäh blendet die Bühne in grellem Neonweiß. Schwarz die Wände und die toten Fensterhöhlen, der Raum ist leer bis auf ein paar klapprige Gartenstühle. Über den ganzen Boden aber, ein optischer Schock, breitet sich ein Meer aufgeblätterter Magazine und Werbebroschüren - in schreiendem Bunt.

Inmitten des Farbenfetzenmeers stehen, sitzen, kauern sie nun: die lebenden Leichname der Strindbergschen Gespenstersonate, die Krüppel, Mumien und Schurken dieser Vampirfamilie. Der Oberst, dessen Leben sich als ein einziges Falsifikat erweist (Jürgen Stössinger)

die Alte, die zum krächzenden Papagei mutiert ist (Elisabeth Schwarz)

der angemaßte Aufklärer, der sich als Mörder entpuppt (Peter Roggisch). Eine Gesellschaft im Zustand fortgeschrittener Verwesung, verrottend in Lug und Trug, Tratsch und Talk.

Alle erstarrt, wie eingegletschert. Nur einer löst sich aus der Vereisung, schreitet steifbeinig durch den Raum, verteilt Backwerk in kleinem Format - so zeremoniös, als handle es sich um Oblaten und um die Vorbereitung des feierlichen Abendmahls. "Dann knabbern sie Kuchen", erklärt der Bediente Bengtsson das Ritual der geisterhaften Teestunde, "alle zugleich, es hört sich an wie Mäuse in einer Dachkammer."

Abendmahl und Mäusefraß, Totentanz und Mediensurfing: Das Unvereinbare hat der Regisseur, man weiß nicht wie, zur großen suggestiven Chiffre, zur schillernden Collage verschmolzen. Ein Überfall auf alle Sinne. Widerstand ist zwecklos. Es ist einer dieser magischen Momente im Theater, einer dieser Wahnsinnsaugenblicke, eines dieser Zauberbilder, die sich dem Zuschauer einbrennen - und die sich, gerade das macht ihre Stärke aus, nicht wirklich fassen, nicht in Begriffe auflösen lassen.