Wenn Friedrich Merz über soziale Gerechtigkeit reden soll, zitiert er oft Kurt Biedenkopf. "Der kleine Mann ist groß geworden", hatte der heutige sächsische Ministerpräsident schon in den siebziger Jahren formuliert. Für den neuen Unions-Fraktionsvorsitzenden Merz und andere aus der CDU-Führungsriege ist die Botschaft dahinter bis heute aktuell: Konservative Sozialpolitik muss zwar eine Absicherung gegen Risiken wie Krankheit, Pflegebedürftigkeit oder Arbeitslosigkeit bieten. Gleichzeitig kann aber auch mehr Eigenvorsorge verlangt werden als bisher. Seinen Niederschlag fand das in privaten Zuzahlungen im Gesundheitssystem, in der Kürzung der Lohnfortzahlung und beim demografischen Faktor in der Rentenformel, der den Anstieg der Alterseinkünfte in Zukunft wegen der höheren Lebenserwartung drosseln sollte. Geht es um die große Linie, steht die Union vergleichsweise geschlossen da.

Schwächer als die SPD ist die Union nicht in grundsätzlichen, wohl aber in machttechnischen und strategischen Fragen. Das liegt nur teilweise an der aktuellen Krise der Partei. Streitpunkt eins ist die Frage, ob es der Opposition in diesen Zeiten überhaupt noch nützt, unpopuläre Entscheidungen der Regierung mitzutragen. Hieß es ursprünglich noch staatstragend, die Union könne sich ihrer Verantwortung etwa bei der Reform der Renten nicht entziehen, ist die Bereitschaft zu Kompromissen in den vergangenen Wochen stark gesunken. "Die CDUler gewöhnen sich allmählich an ihre Oppositionsrolle", beobachtet die grüne Rentenexpertin Katrin Göring-Eckart, "das macht es ziemlich schwer für uns." Auch Arbeitsminister Walter Riester macht sich keine Hoffnungen auf einen schnellen Konsens: "Vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen wird das nichts mehr."

Streitpunkt zwei sind Personalien: In der kommenden Woche entscheidet die Union darüber, wer in der Fraktion den Sprecherposten für die Sozialpolitik übernimmt, als Kandidaten gelten unter anderem der junge Rentenexperte Andreas Storm und der Maschinenschlosser Karl Josef Laumann, einer der letzten Unionsabgeordneten mit Arbeitervita. Wer auch immer sich durchsetzt, wird es schwer haben, gegen den wesentlich bekannteren und erfahreneren Exminister und stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Horst Seehofer zu bestehen, der im Fraktionsvorstand für Arbeit und Soziales verantwortlich ist. Der wiederum hat völlig andere Vorstellungen als etwa der sächsische Ministerpräsident Biedenkopf, der bestenfalls bei den Rentengesprächen mitverhandelt, oder auch der Niedersachse Christian Wulff, der im Auftrag der Partei eine Kommission über die Zukunft des Sozialstaats leitet. Schon jetzt vermissen die Sozialstrategen gelegentlich eine ordnende Hand im Hintergrund.

Dabei hatte gerade die CDU/CSU die traditionelle Polarisierung zwischen ausgabefreudigen Sozialexperten einerseits und sparsamen Haushältern oder Wirtschaftspolitikern andererseits schneller als andere Parteien aufgelöst.

Schon in der vergangenen Legislaturperiode gewannen Unternehmer wie der Konditormeister Julius Louven, der Müllermeister Peter Ramsauer und der Mittelstandspolitiker und frühere Referent im Wirtschaftsministerium Andreas Storm an Boden, drängten auf geringere Sozialabgaben und machten ihrem Arbeitsminister Norbert Blüm das Leben schwer. Der klassische Arbeitnehmerflügel, die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft (CDA), feierte als letzten großen Triumph die Einführung der Pflegeversicherung und verlor seitdem ständig Terrain. Wenn Blüm auf dem nächsten Parteitag im April als Parteivize abtritt, rückt vermutlich kein CDA-Vertreter an die Spitze nach.

Erstaunlich ist die Schwäche der klassischen Sozialstrategen schon: Schließlich hat die Union im vergangenen Jahr gerade damit viele Wählerstimmen ergattert, dass sie einen weniger harten Sparkurs versprach als die Sozialdemokraten. Genauso hatte es die SPD im Bundestagswahlkampf vorgemacht. Die Analysen der Meinungsforscher waren eindeutig: Schuld an der Niederlage war demnach neben der allgemeinen Wechselstimmung vor allem der schwindende soziale Konsens.