Wenn den Menschen schon fast alles genommen ist und ihnen noch das Letzte genommen werden soll, dann gibt es kein Halten mehr. Dann folgt der Absturz in die Resignation oder rebellischer Widerstand. Der Glaube ist eine solche letzte Heimstatt. Er muss beschützt werden, vor den Zumutungen der Öffentlichkeit wie der Amtskirche. In seinem Glauben ist der Mensch unvertretbar. Der Glaube als Innerlichkeitsform artikuliert allerdings immer auch ein Ressentiment. In ihm finden die Demütigungen durch die alltäglichen Verfügbarkeitsimperative eine aggressive Sprache. So bei der Aufführung von Corpus Christi am Stadttheater Heilbronn. Die Intendanz bekam auf der Grundlage von Kettenbriefen, die bis nach Südtirol verschickt wurden, Unterschriftenlisten und Drohbriefe. "Gott ist nicht der schwule Tattergreis", schreibt einer an den Intendanten, "den Sie auf eine noch nie dagewesene Weise schmähen können. Ihm werden Sie im Gericht gegenüberstehen."

Ein anderer Brief: "Euch Gotteslästerer! Wehe Euch, die Strafe Gottes kommt auf Euch herab! Das ist sicher!!!" Die meisten werden sich die Aufführung nicht angeschaut haben, viele schreiben von dem "Kino" in Heilbronn. Einigen geht es offenbar um etwas ganz anderes: "Ich wette, Ihre Intendanz besteht aus Juden, denn nur diese seelenlosen, unansehnlichen Menschen sind bekanntlich so voller Hass, um sogar Gott zu lästern." Aus diesem Glauben spricht ein kollektiv Unbewusstes darin liegt seine Wahrheit. Gegen Fremde, das fahrende Volk vom Theater, Juden - die Absender sind Freikirchengemeinden, Marienschwesternschaften, Initiativkreise katholischer Laien, Klöster und Pfarreien. Kardinal Joseph Ratzinger hat anlässlich des päpstlichen Schuldbekenntnisses seiner Kirche eine Aufklärungsinitiative verordnet: Ein Glaube, der sich nicht auf Vernunft gründet, sei bloßer "Fideismus", also eine unaufgeklärte religiöse Fantasterei. Gemessen am katholischen Hinterland eine geradezu avantgardistische Position.