Es ist ziemlich sicher, dass der Londoner Theatermacher und Autor Marc von Henning, 40, als Kind unter der Bettdecke gelesen und dazu Musik gehört hat.

Das verstohlene Behagen, auf der Leuchtspur des Erzählens durch die Nacht zu reisen, ist auch dem Erwachsenen anzumerken. Unruhe am Rand der Schöpfung heißt die Szenenfolge, die er fürs Depot des Stuttgarter Staatsschauspiels geschrieben und inszeniert hat: Lektürentheater. Man könnte sagen, dass nun das Theater die Bettdecke ist, die Henning sich über die Ohren zieht. Seine Figuren sind Grenzgänger zwischen Leben und Literatur, zwischen Rausch und Tod: Déjà-vu-Personal. Haben wir sie schon getroffen, oder haben wir von ihnen gelesen? Ein Schauspieler kommt nachts im Theater zu sich, erstarrt in Kostüm und Rolle, und merkt, dass ein gespenstisches Publikum ihn fixiert.

Eine Trapezkünstlerin will nie mehr Boden unter den Füßen haben. Ein Blinder studiert seine Bücher mit Ohren, Fingern, Zähnen, Bartstoppeln, seine Innenwelt hat sich in Text verwandelt. Nicht der Blinde liest, er wird gelesen. Henning lehrt uns, dass wir in diesem Sinn alle Blinde sind. Er ist ein Reisender, der sich vor dem Ankommen fürchtet, und seine wichtigsten Reiseerlebnisse hatte er in den Ländern Kafka, Borges, Cortázar, Calvino, Poe. Seine Regieweise erinnert an Tanztheater, über das die Stimme eines allwissenden Erzählers wegweht. Da ist ein souveräner Bilderfinder, Figurenbeweger, Stimmungsmacher am Werk (der nur gelegentlich mit Stimmungskanonen auf Spatzen schießt): perfekt montierte Kunsterfahrungen.

Neonlicht, schwarze Kostüme, sehr viel Brüllen und Wälzen: Es ist dem französischen Regisseur François-Michel Pesenti blendend gelungen, die Hirtentragödie Aminta des Renaissance-Dichters Torquato Tasso (1544-1595) aus dem Italienischen ins Teutonische zu übertragen. Dies ist angesichts der eleganten Übersetzung des Textes durch Simon Werle eine beachtliche Leistung.

Die deutsche Erstaufführung des Aminta war überfällig, seit Goethe dem Stück 1788 einige der berühmtesten Verse seines Tasso ("Erlaubt ist, was gefällt") wörtlich entnommen hat. Es ist den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin hoch anzurechnen, dass sie eine Aminta-Aufführung im Jahre 2000 überhaupt gewagt haben. Das Missverständnis des Textes durch Pesentis Regie lässt sich bei strapazierfähigen Ohren vernachlässigen: Wo Tasso Lyrik und Rhetorik melodiös perlen lässt, da stöhnt und radebrecht zwar das sonst auf Off-Theatern übliche Espressivo aber weil einige Darsteller, allen voran der großartige Tim Lang als Amor, gleichwohl beträchtlichen Sinn für Verse beweisen, bleibt wunderbarerweise einiges von Tassos aus Stimmung und Scharfsinn sonderbar gemischter Dichtung erhalten. Es geht im Aminta darum, eine kaltherzige, jagdbesessene Nymphe für die Liebe des verzweifelnden Hirten Aminta zu gewinnen. Das Seelendrama vollzieht sich in einer halb lieblichen, halb schroffen Landschaft. Die Hirten sind nur verkleidete Höflinge, die ihr Intrigenspiel satt haben. Eine entsetzliche Luft von Misstrauen und Täuschung herrscht in dem Kulissenarkadien. Leider interessiert sich die Regie nicht dafür dass Tasso an Verfolgungswahn litt, erzählt nur der Programmzettel. Trotzdem, und obwohl die Goethe-Verse gestrichen wurden, sollte man hingehen: Die nächste deutsche Aufführung des Aminta soll erst fürs Cinquecento des dritten Jahrtausends geplant sein.