Das Volk versteht das meiste falsch

aber es fühlt das meiste richtig", schrieb Kurt Tucholsky 1931. Was er beklagte, war die Unfähigkeit der politischen Klasse der Weimarer Republik, "die Denkungsart" der breiten Masse zu erfassen: "Der wirkliche Gehalt dieses Volkes, seine anonyme Energie, seine Liebe und sein Herz" - für all das fehle den demokratischen Politikern jeder Instinkt. "Daß nun dieses richtige Grundgefühl von den Schreihälsen der Nazis mißbraucht wird, ist eine andere Sache." Zwei Jahre später war die erste deutsche Republik gescheitert.

Historische Analogien sollte man nicht zu weit treiben. Keineswegs steht in Deutschland schon wieder eine Republik kurz vor dem Untergang. Nirgendwo wird die demokratische Ordnung des Landes von kampfbereiten Gegnern herausgefordert. Und doch ist der Zustand der Republik ernst. Unter der glatten Oberfläche professioneller Telepolitik finden tektonische Verschiebungen ihrer Bedingungen statt, die kaum je in den Fokus der personenlastigen Medienberichterstattung geraten.

Was Politik und Gesellschaft in Deutschland am Beginn des neuen Jahrhunderts fundamental bedroht, ist der Zusammenbruch aller kollektiver Glaubensvorstellungen, ihrer sozialen Milieus und, damit einhergehend, das Fehlen jeder verlockenden Vorstellung von Zukunft. "Die besten Jahre liegen noch vor uns", behauptete Roman Herzog 1997 in seiner "Ruck-Rede". Die durch nichts begründete Behauptung des damaligen Bundespräsidenten verpuffte vollständig wirkungslos, weil sie dem sicheren Instinkt der Menschen zuwiderlief. Unfreiwillig näher kam dem Lebensgefühl der Deutschen im Dezember 1999 die SPD, die ihren Berliner Parteitag unter das Motto "Zukunft braucht Mut" stellte. Das sollte dynamisch klingen, wirkte aber doch vor allem bedrohlich. Mutig sind schließlich nur die wenigsten, und wo es Tapferkeit erfordert, der Zukunft entgegenzugehen, da kann sie schon deshalb kein besonders verlockender Ort sein.

Am Beginn des 21. Jahrhunderts hat die Zukunft ihre Verheißung verloren. "Die Geschichte wird wieder zu dem dunklen Tunnel, in den der Mensch sich wagt, ohne zu wissen, welche Folgen sein Tun nach sich zieht, in Unsicherheit über sein Schicksal, ohne die illusorische Sicherheit einer Zwangsläufigkeit seines Handelns", schreibt der französische Historiker François Furet über das Leben nach dem Untergang der Utopien. Obendrein haben Atomenergie und Umweltgifte, Überbevölkerung und Gentechnologie die Kategorie der Zukunft in ihrem innersten Kern getroffen. Eine Zukunft, die sich auf das reduziert, was Gesellschaften zu tun gezwungen sind, um ihren Untergang zu verhindern, ist offenbar nicht mehr das, was der Begriff einmal versprach.

Der Unterschied zur Gestimmtheit der Menschen an der Wende zum 20.

Jahrhundert könnte dramatischer gar nicht sein. Nie waren Prognosen und Prophezeiungen über die Zukunft so verbreitet wie in den Jahrzehnten nach 1890. Fünfzig Auflagen erreichte zwischen 1879 und 1910 August Bebels Proletarierbibel Die Frau und der Sozialismus, aus der die sozialdemokratischen Arbeiter ihr Bild von einem glanzvollen sozialistischen Zukunftsstaat bezogen. Das 19. Jahrhundert hatte den Aufschwung von Wissenschaft und Technik, Reichtum und Gesundheit gebracht. Warum sollte es im 20. Jahrhundert nicht umso steiler aufwärts gehen?