Jena

Betäubt vor Schmerz, trat die Jenaer Medizinhistorikerin Susanne Zimmermann am frostkalten 24. Januar ans Rednerpult in der Rathausdiele der thüringischen Universitätsstadt. Wenige Stunden zuvor war ihr Vater gestorben. Als sie das Pult nach einer halben Stunde wieder verließ, waren ihre Zuhörer in eine Schreckstarre gefallen. Die Wissenschaftlerin hatte an einem Mythos gekratzt. Er trägt den Namen Professor Jussuf Ibrahim und war der berühmteste Kinderarzt Jenas. Susanne Zimmermann hatte, zusammen mit dem Euthanasieforscher und ZEIT-Autor Ernst Klee, vorgetragen, dass der beliebte und verehrte Kinderarzt Ibrahim in die "Kinder-Euthanasie" der Nationalsozialisten, die Tötung behinderter Mädchen und Jungen, verstrickt war (ZEIT Nr. 6/2000). In dieser Woche, am 17. März, wird Susanne Zimmermanns Habilitationsschrift, die Grundlage ihres Vortrags an jenem Januartag war, als Buch erscheinen: Die Medizinische Fakultät der Universität Jena während der Zeit des Nationalsozialismus. Seit Wochen aber gehen die Emotionen hoch in Jena.

Der 1877 in Kairo geborene Jussuf Ibrahim leitete von 1917 bis zu seinem Tod 1953 die Kinderklinik der Jenaer Universität und hatte den Lehrstuhl Kinderheilkunde inne. Wie liebevoll er mit seinen kleinen Patienten umging, davon wissen noch heute viele Jenaer zu erzählen. Auch die "Ibrahim-Schwestern", die an seiner Klinik ausgebildet wurden, sind so etwas wie eine Legende. Ibrahim ist seit 1947 Ehrenbürger der Stadt und Ehrendoktor der Universität. Die Kinderklinik, eine Straße und Kindergärten sind nach ihm benannt. Als Susanne Zimmermann ihre 1993 vorgelegte Habilitationsschrift über die Geschichte der medizinischen Fakultät überarbeitete, stieß sie auf eine Krankenakte aus der nahe Jena gelegenen psychiatrischen Klinik Stadtroda. In der Akte eines zweijährigen Zwillingsjungen fand sie einen Brief Ibrahims an den Direktor des Stadtrodaer Krankenhauses, Gerhard Kloos, einen berüchtigten Euthanasiearzt, wie Ibrahim Dozent an der Jenaer Universität. "Sehr verehrter Herr Kollege! E. K. aus G.b. Chemnitz ... offenbar von Geburt an in der Entwickl. d. Centralnervensystems rückständig. Seit dem Alter von 3/4 J. sich häufende ... Krämpfe. Sieht, hört ... Offenbar aussichtslose Zukunft. Vielleicht könnte er bei Ihnen eine nähere Beobachtung und Beurteilung finden. Euth.? Mit besten Empfehlungen und Heil Hitler!

Ergebenst Dr. Ibrahim." Der Junge starb in der "Kinderfachabteilung" Stadtroda, wo zwischen 1942 und 1945 über 100 behinderte Kinder ermordet wurden.

Was in Susanne Zimmermanns Arbeit von 1993 stand, wusste ein Fachpublikum - die Universität Jena, die medizinische Fakultät, die Kinderklinik. Für die breite Öffentlichkeit blieben diese Ibrahim belastenden Fakten lange Zeit verborgen, wie auch frühere Hinweise Ernst Klees und des Berliner Historikers Götz Aly. Vorbei. Was seitdem in der Stadt passiert, hat Susanne Zimmermann, hat die Universität, hat Jena noch nicht erlebt. Der Kampf um Ibrahim tobt.

Die "Front" zwischen eifernden Ibrahim-Verteidigern und jenen, die für eine differenzierte Diskussion der Rolle des "Retters der Säuglinge" plädieren, verläuft quer durch die Stadt.

Eines der beliebtesten Kampfmittel sind Leserbriefe an die lokalen Zeitungen.

In Jena erscheinen zwei Tageszeitungen, die Ostthüringer Zeitung (OTZ) und die Thüringische Landeszeitung (TLZ)

beide gehören zur Gruppe der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ). Die Lokalredaktionen können sich nicht erinnern, jemals mehr Leserzuschriften zu einem Thema bekommen zu haben. Tenor der Briefe: Jena fürchtet um seine Legende. "Kaum ein Tag vergeht, an dem sich nicht Zeitzeugen melden, die irgendwann einmal von Ibrahim gerettet wurden oder jemanden kennen, der von ihm gerettet wurde", sagt TLZ-Redakteurin Barbara Glasser. Selbst ernannte Experten fühlen sich berufen, der ausgebildeten Chirurgin Susanne Zimmermann zu erklären, wie man Krankenakten liest. Das Kürzel "Euth.", so meinen sie, könnte ja auch etwas anderes bedeuten. Andere wieder rechnen ein totes Kind gegen angeblich 1000 gerettete Kinder auf, wobei der ausdrückliche Dank für die geretteten Kinder nicht fehlt.

Hinzu kommt ein gehöriger Schuss Ost-West-Konfrontation. Da wird ausgerechnet dem Geschwister-Scholl-Preisträger Ernst Klee vorgeworfen, im Westen habe sich ja auch niemand um die Aufarbeitung der Nazivergangenheit gekümmert.

Besonders verübeln ihm seine Kritiker, dass er sich weigert, einen Zeitgenossen Ibrahims, den späteren Leiter der Jenaer Kinderklinik Erich Häßler, zu befragen. Aus 20-jähriger Euthanasieforschung wisse er, dass sich die Täter immer wieder zu Opfern schönreden, hatte Klee ganz unverblümt in der Diskussionsrunde im Januar gesagt. Der heute hochbetagte Häßler war vor seiner Jenaer Zeit Oberarzt an der Universitätskinderklinik Leipzig, einem Zentrum der Kindereuthanasie. Susanne Zimmermann wird von den Ibrahim-Verteidigern nicht nur der Kollaboration mit einem Westjournalisten bezichtigt, ein erzürnter Zeitungsleser forderte sie gar auf, auszuwandern.

Die eher zurückhaltende Frau kommt mit solchen Angriffen nur schwer zurecht.

Ihre Aufgabe als Wissenschaftlerin sei es, unvoreingenommen Fakten darzustellen. Dass sich die Diskussion nur um Ibrahim und seinen guten Ruf bewegt, stört die Ärztin sehr. "Um die toten Kinder schert sich bei der ganzen Diskussion kein Mensch."

Wahltermine passen schlecht zur Aufklärung

Perfider Volkszorn traf die Journalistin Barbara Glasser. Am letzten Sonntag im Februar bekam sie einen anonymen Brief. Auch die Leichen in ihrem Keller werde man schon noch finden, drohte der Schreiber. Ganz oben auf dem A4-Computerausdruck war eine Bombe gemalt. Die Journalistin, die den Ibrahim belastenden Brief im Berliner Bundesarchiv aufgestöbert und abgedruckt hat, berichtet seit Wochen für die TLZ über den Fall Ibrahim und hatte es am Tag nach der Klee-Zimmermann-Diskussion gewagt, in einem Kommentar von Schuld zu sprechen. Das nimmt man ihr übel. Bei der OTZ, in deren redaktionellen Beiträgen sich die Ibrahim-Verteidiger wiederfinden dürfen, weiß man so etwas - und verzichtet auf eigene Kommentare. Das Thema eigne sich dafür nicht, sagt Redakteur Michael Groß. Man wolle die Leser nicht verletzen. In der Samstagausgabe vergangener Woche druckte die OTZ allerdings ein großes Interview mit Ernst Klee.

Der erbitterte Streit um Jussuf Ibrahim ist inzwischen auch ins Rathaus eingedrungen. Wenn es nach Oberbürgermeister Peter Röhlinger (FDP) ginge, würde Jena demnächst seine erste Bürgerbefragung erleben. Röhlinger will Volkes Stimme entscheiden lassen, ob Ibrahim weiter Ehrenbürger der Stadt bleiben soll. Der OB weiß aus persönlicher Erfahrung, wo im Fall Ibrahim die Schmerzgrenze bei den Jenaern verläuft. Seine Schwester Sibylle-Maria, Jahrgang 1943, leidet unter dem Down-Syndrom. Als seine Mutter das Mädchen zu Ibrahim in die Sprechstunde brachte, habe dieser sie vor der SS im Hause gewarnt, erzählt Röhlinger. Seine Schwester lebt in Jena.

Die Chancen für eine Bürgerbefragung allerdings stehen schlecht. Haupt- und Kulturausschuss haben ein Ibrahim-Plebiszit abgelehnt. "Wenn man die Fakten nicht kennt, kann man Ibrahim nicht beurteilen", sagt der grüne Kultur- und Sozialdezernent Matias Mieth und denkt dabei an die Interpretations- und Gegenrechnungsversuche in den Leserbriefen der Jenaer Zeitungen. Mieth hat Verständnis für die Aufregung vor allem der älteren Generation. "Ibrahim vermittelt den Leuten das Gefühl, unbefleckt durch zwei Diktaturen gekommen zu sein." Solch ein Ideal wünsche sich doch jeder. Umso schmerzlicher sei es, wenn das Ideal verloren gehe. Mieth möchte die integrative Kindertagesstätte Jussuf Ibrahim umbenennen, wenn die den Kinderarzt belastenden Fakten nicht widerlegt werden können. In dem Kindergarten werden auch behinderte Kinder betreut.

Die Sichtung der Fakten ist Sache der eigens einberufenen Ibrahim-Kommission der Universität. Nach außen hin fiel die Kommission auch durch Peinlichkeiten auf. Nach der Klee-Zimmermann-Debatte suchte sie öffentlich nach Zeitzeugen.

Meldeschluss 29. Februar - offiziell war Eile geboten. "Besonders interessiert sei man ... am Schriftwechsel von Betroffenen oder deren Eltern mit Behörden bzw. mit der Kinderklinik ...", schrieb die OTZ (10. Februar). Die Betroffenen dürften dazu wohl keine Chance mehr haben. Wer einmal in die Euthanasiemaschinerie geraten war, musste in aller Regel sterben. Bis Ostern hat sich die Kommission Schweigen verordnet. Den Vorwurf, Ibrahims Rolle verschleiert zu haben, will Prorektor Klaus Dicke, Vorsitzender der Kommission, nicht akzeptieren. Aufarbeitung brauche Zeit, sagt er.

Wie viel, wagt in Jena keiner vorauszusagen. Erst kürzlich hat Oberbürgermeister Röhlinger gefordert, noch weitere Archive, zum Beispiel in Russland oder den USA, durchzuforsten. Käme es dazu, würde sich das wohl lange hinziehen. Für Aufarbeitung, erst recht für unpopuläre Konsequenzen ist das Jahr 2000 ohnehin ein denkbar schlechtes Jahr. Am 14. Mai steht die Wahl des Oberbürgermeisters an. Im Sommer wird ein neuer Universitätsrektor gewählt. Wer seine Chancen nicht verspielen will, darf sich nicht in die Nesseln setzen.