Als Bill Joy, Mitgründer und Chefwissenschaftler des amerikanischen Computer- und Software-Unternehmens Sun Microsystems, vergangene Woche in einem umfangreichen Artikel im Magazin "Wired" vor den Folgen des technischen Fortschritts warnte, sagte er nicht viel Neues: Über die Gefahren der Gentechnik wurde schon oft geschrieben, die vielleicht verheerenden Konsequenzen der Nano- und der Robotertechnik sind inzwischen nicht mehr nur Stoff von Science-Fiction-Romanen. Bemerkenswert war die Person des Autors - und der Ort, an dem der Artikel erschien: "Wired", ansonsten der Technik gegenüber eher unkritisch, wurde zum Forum für einen Warner. Auch die "New York Times" widmete Joys Thesen in der vergangenen Woche drei große Artikel. Gleich mehrere Anzeichen dafür, dass auch in den traditionell fortschrittsgläubigen USA zunehmend die Frage nach den Folgen eines ungebremsten technischen und ökonomischen Booms gestellt werden.

DIE ZEIT: Technischer Fortschritt, sagen fast alle Ökonomen und Wissenschaftler, ist positiv. Sie dagegen meinen, dass technischer Fortschritt die Menschheit im 21. Jahrhundert an den Rand des Abgrunds treiben kann. Warum?

ZEIT: Szenarien, die das Jüngste Gericht voraussagten, gab es oft genug - zuletzt nach der Erfindung der Atombombe. Die Menschheit hat sie alle überlebt. Warum sollte es jetzt anders sein?

JOY: Erstens: Die Massenvernichtungswaffen des 20. Jahrhunderts wurden unter Führung der Militärs entwickelt, für ihre Herstellung waren große Mengen von Rohstoffen und große Fabriken notwendig. Heute kommen potenziell zerstörerische Techniken überwiegend aus den Labors der Unternehmen, haben kommerzielle Anwendungen und benötigen weniger Rohstoffe; das macht ihre Kontrolle wesentlich schwieriger. Zweitens: Diese Techniken haben das Potenzial zur eigenständigen Reproduktion. Eine Bombe kann man nur einmal zünden, ein Virus, eine Nanomaschine oder ein Roboter können sich zukünftig immer wieder selbst neu erschaffen. Drittens: Einzelne Menschen haben Zugang zu ihnen und können mit ihrer Anwendung riesige Schäden erzeugen. Diese Art Demokratisierung des Bösen haben wir in der Geschichte der Menschheit bisher noch nicht erlebt.

ZEIT: Das klingt nach Science-Fiction ...

JOY: ... ist es aber nicht. Ein Beispiel: Bis vor kurzem dachte ich, dass wir bei der Entwicklung immer leistungskräftigerer Computer am Ende des physikalisch Möglichen angekommen sind. Heute weiß ich, dass wir Chips künftig aus einzelnen Atomen und Molekülen fertigen und sie dreidimensional anordnen werden. Damit dürften wir im Jahr 2030 Maschinen haben, die eine Million Mal so viel leisten wie heutige Computer. Eine Million Mal! Der Faktor 1000 ist der Unterschied zwischen einem Menschen, der spazieren geht, und der Geschwindigkeit eines Düsenjets. Wir haben absolut keine Ahnung, welche Macht ein solcher Computer haben könnte. Was passiert, wenn er denken lernt?

ZEIT: Ihr Kollege Ray Kurzweil sagte in einem ZEIT- Interview (ZEIT Nr. 46/99) voraus, dass Mensch und Maschine eins werden.