Was ist und wozu dient ein Weißbuch der Verteidigung? Es ist die sicherheitspolitische Kursbestimmung einer Regierung. Es analysiert Risiken; es beschreibt Ziele, Interessen und Werte, die notfalls mit militärischer Gewalt zu verteidigen sind; es liefert Zahlen und Fakten zu den Streitkräften.

Vor allem begründet ein Weißbuch Entscheidungen, die vom Verteidigungsminister vorbereitet und von der Regierung in Gesamtverantwortung getroffen werden: zum besseren Verständnis der Bürger, der Verbündeten, der Nachbarn, der Staatengemeinschaft. Ein Dokument von Gewicht und Bestand für Jahre soll es jedenfalls sein.

Der Minister ging die Sache zunächst mit Umsicht an. Er setzte eine unabhängige Wehrstrukturkommission aus Experten und Vertretern aller wichtigen gesellschaftlichen Gruppen unter dem Vorsitz von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker ein; gleichzeitig gab er seinem Generalinspekteur Hans-Peter von Kirchbach den Auftrag, ein "Eckwerte-Papier" ausarbeiten zu lassen. Die Kommission legt ihren Bericht am 23. Mai vor; um diese Zeit soll auch von Kirchbach seine Empfehlungen vorstellen.

Nur sieben Wochen später will Scharping sein neues Weißbuch veröffentlichen. So wenig Zeit gibt sich der Minister, um die Vorschläge von Kommission und Generalinspekteur zu prüfen und mit der Fraktion, dem Koalitionspartner und den anderen beteiligten Ressorts (Finanzen und Auswärtiges) zu verhandeln. Eine Debatte mit der Opposition, mit Gewerkschaften, Sozialträgern, Kirchen, Industrie - und der Öffentlichkeit schlechthin hält Scharping offenbar für überflüssig.

Eine Reform, die den Namen verdient, kann so nicht gelingen. Vielleicht ist sie auch gar nicht beabsichtigt. Wer sich in den Fraktionen von SPD und Union umhört, stößt auf eine große Koalition von Reformgegnern, die in der Bundeswehr möglichst viel beim Alten lassen will; im militärischen Apparat findet sie Verbündete genug. Will sich nun auch der Verteidigungsminister ihr anschließen? Für Weizsäcker und Kirchbach ist der Vorgang ein Affront, eine Desavouierung ihrer monatelangen Arbeit. Für das Parlament, für die Bürger und nicht zuletzt für die Soldaten ist Scharpings Weißbuch eine Zumutung.