Taipei

Mao Tse-tung und Deng Xiaoping, die China von der Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949 bis zu Dengs Tod 1997 regierten, waren sich in einem völlig einig: Die politische Zukunft Taiwans, der kleinen Insel vor der südchinesischen Küste, könne der Geschichte überlassen werden. Hierhin hatten sich nach Ende des chinesischen Bürgerkriegs vor über fünfzig Jahren die unterlegenen Truppen der Kuomintang unter Chiang Kai-shek geflüchtet. Und von ihrem Regime konnten die Kommunisten in Peking lange Zeit mit Fug und Recht behaupten, dass es korrupter war als das ihre.

Niemand hatte ein solches Wahlergebnis erwartet. Unter einem demokratischen Donner, der bis nach Peking und Washington hallte, zerbrach die 50-jährige Herrschaft der noch bis vor kurzem als unbesiegbar geltenden Nationalisten. Kaum jemand wird sie mehr wiederherstellen können. Plötzlich war eingetreten, was die Propheten der jungen Demokratie auf Taiwan immer herbeigesehnt hatten: der erste gewaltfreie und demokratische Regierungswechsel auf chinesischem Boden.

Nun dürfen nur wenige Wähler an die befreite Seele ganz Chinas gedacht haben. Den meisten ging es zweifellos um die Eigenständigkeit der Insel, wenn nicht gar ihre Unabhängigkeit. Doch wer den Taiwanesen China gegenüber nur neureiche Selbstbezogenheit unterstellt, den will DPP-Kandidat Chen Shui-bian noch am Tag der Wahl eines Besseren belehren. Auf die Frage der ZEIT, ob die Demokratisierung Taiwans das ganze chinesische Volk mit Stolz erfüllen könne, antwortet Chen bei der Abgabe seines Stimmzettels im Wahllokal einer Taipeier Grundschule ohne Umschweife: "Wir hoffen, dass das Festland heute die Kraft und die Macht der taiwanesichen Demokratie fühlen kann. Demokratie ist für Taiwan und China von gleicher Bedeutung. Und ich glaube, dass die Demokratie in China die guten Beziehungen zu Taiwan fördern wird."

Wieder werden Skeptiker einwenden, es könnten Jahrzehnte vergehen, bis die taiwanesischen Signale landauf, landab im riesigen China erhört werden. Recht haben sie und übersehen doch die Dynamik der Geschichte. Chens Wahlsieg werde "in die Annalen der chinesischen Nation auf ihrem Weg zur Demokratie eingehen", schreibt der Pekinger Dissident Ren Wanding, einer der Vordenker der Studentenrevolte von 1989, in einem offenen Brief aus der chinesischen Hauptstadt an den Wahlsieger in Taipei. Darin nennt Ren die DPP ein "Vorbild für demokratische Parteien auf dem Festland". Er wird dabei im Sinn gehabt haben, dass fast alle Gründer der Fortschrittspartei einschließlich des neuen Präsidenten schon einmal im Gefängnis saßen, bevor sich das Schicksal zu ihren Gunsten wendete.

Nicht anders ergeht es heute den Anhängern der Ren nahe stehenden Demokratischen Partei in China. Sie werden seit der Parteigründung vor zwei Jahren hinter Schloss und Riegel gebracht, sobald sie öffentlich in Erscheinung treten. Doch inzwischen würden einige Rechtsanwälte in Peking nicht mehr davor zurückschrecken, Demokraten vor Gericht zu verteidigen; nur müsste die kommunistische Führung, die in der Theorie jedem Angeklagten das Recht auf Verteidigung zugesteht, dies in der Praxis auch zulassen. Auf diese Weise hatte vor nunmehr 20 Jahren die politische Karriere des Chen Shui-bian begonnen.

"Uns Anwälten gehört die Zukunft"