DIE ZEIT: In Deutschland wird händeringend nach Informatikern gesucht. Angeblich sollen 100 000 fehlen. Bundeskanzler Gerhard Schröder will 20 000 Fachkräfte unter anderem aus Indien holen. Auch andere Branchen klagen über fehlende Ingenieure. War der Mangel nicht vorauszusehen? Wer hat da geschlafen?

DAGMAR SCHIPANSKI: Die Ingenieurstudenten, die jetzt von den Hochschulen abgehen, haben ihr Studium vor fünf Jahren begonnen. Ich erinnere mich an diese Zeit so genau, weil ich damals Rektorin der Technischen Universität Ilmenau war und wir uns mit dem Problem herumschlugen, dass die Studienanfängerzahlen in den technischen und naturwissenschaftlichen Fächern auf ein Drittel des normalen Wertes sanken.

SCHIPANSKI: Die Wirtschaft stellte die Absolventen nicht mehr ein. In den neuen Ländern war sie zusammengebrochen, in den alten Bundesländern strukturierte sie sich um. Ältere Arbeitnehmer wurden entlassen, junge nicht mehr eingestellt. Dadurch wurden die Studienanfänger abgeschreckt. Sie ergriffen das Ingenieurstudium nicht mehr, sondern orientierten sich hin zu anderen Fächern. Ich war damals so wütend. Gerade wir in den neuen Ländern brauchten doch die Ingenieure. Aber wir standen alleine. Die Politik reagierte auf diese Entwicklung, indem sie Lehrstühle strich, weil die Studentenzahlen zu niedrig waren.

ZEIT: Sind die Zahlen belastbar, mit denen heute der Mangel an Informatikern demonstriert wird?

SCHIPANSKI: Ich versuche gerade, die Zahlen für Thüringen festzustellen. Eindeutige Daten habe ich noch nicht bekommen. Aber die Hochschulen werden jetzt die Absolventenzahlen aufzeichnen, mit denen wir in den nächsten Jahren rechnen können.

ZEIT: Vor fünf Jahren starteten Sie aufgrund des Rückgangs der Studentenzahlen in den entsprechenden Fächern zusammen mit den TU-Präsidenten eine Initiative, um die Politik auf das Problem aufmerksam zu machen. Ist Ihre Sorge damals ernst genommen worden?

SCHIPANSKI: Wir haben Politik, Medien und Wirtschaft darauf aufmerksam gemacht und immer wieder betont, dass wir Unterstützung brauchen, damit unsere Diplomingenieure Arbeitsplätze finden. Das wäre ja auch eine Aufgabe der Wirtschaft gewesen, diese jungen Leute nicht auf der Straße sitzen zu lassen, sondern sie in Sonderprogrammen zu beschäftigen. Wir hätten damals eine Übergangsregelung gebraucht.