Man saß mittags mit zwei Herren von der ZEIT bei "chez Inge" im Goldenen Hühnchen und verhandelte, ob meine Schreibkraft der ZEIT zu verscherbeln mir genehm sei. Ich, grauer Stammgast; die Herren, frisch eingetroffen. Aha!, werden sie gedacht haben, mit Leichtigkeit genießt er hier so seine ein, zwei Püllkens Bier! Als es aber der Flensburger meinerseits drei waren, zahlten die Herren, welche selbst nur zaghaft jeweils "vor Hunger" koffeinhaltige Getränke eingenommen hatten, gegen Spesenquittung 12,80 Mark. Denn, oje, bei "chez Inge" gab es noch nicht mal eine - war mir richtig peinlich! - einzige Schrippe mit Schorf oder sonst Berlinisches, liefen hinaus an einen Mittagstisch, und ich saß da, begrübelte das Angebot und versuchte mir vorzustellen, welchen Eindruck die zween mit hinaus an die frische Luft genommen hatten.

Öffnungszeit bei "chez Inge" ist neun; hierzu werden, je nach Weltzu- oder -abgewandtheitslaune, höchstens zwei der vier Rollläden gelüpft, darunter die am Thekenfenster, von dem aus die Servierkräfte im Rahmen eines schlichten Frühwarnsystems den Heinrichplatz in Augenschein nehmen können, sodass, wenn eine der Servierkräfte "Kapielski kommt!" ruft, die Gäste gefasst auf mein Kommen anspringen können, wenn ich komme. Schier irrsinnig vor Jubel und angefacht vom Laserpointer eines Gastes bespringt mich das Haustier Terrie. Um halb zwei bedingt die Lage der Wirtschaft, im Falle guten Wetters, Sonneneinfall von links oben, was die Raucher zu frischen Gluten anfacht, weil dadurch zwanzigminütige Andacht über einen im Tabakrauche mächtig dampfenden Sonnenbalken auf uns kommt und die Herzen froh macht. Dann aber wird es Zeit, das Übersichtsfenster zu schließen, da nunmehr jeder Gast nur neue Last ins Haus trägt. Also wird gern sofort auch die Tür blockiert.

Thomas Kapielski schreibt von nun an jede Woche aus Berlin. Im April erscheinen "Aqua botulus" und "Der Einzige und sein Offenbarungseid" bei Zweitausendeins