Marlene Dietrich ist ins Fadenkreuz eines neuen Typus von Geschichtsrelativierern geraten. Der Regisseur Joseph Vilsmaier dichtet ihr eine heimliche Liebe zu einem edelmütigen Wehrmachtsoffizier an und bürgert sie damit wieder in die Volksgemeinschaft der grundanständigen Durchschnittsdeutschen ein. Die Theater-Jungautorin Thea Dorn lässt in einem Stück mit dem neckischen Titel Marleni die Dietrich beseligt in die Arme Leni Riefenstahls sinken. Zwei deutsche Frauen, die ihre Missverständnisse austragen, sich gegenseitig ihre Wunden zeigen und endlich in eins verschmelzen! Das ist mehr als nur saurer Kitsch. Eine talentierte, aber geistlose und moralisch debile Mitläuferin mit der Dietrich auch nur in einem Atemzug zu nennen ist degoutant. Eine gewisse postmoderne, geschichtsignorante Rezeption will die Riefenstahl partout zum verkannten Jahrhundertgenie aufblasen und zerrt zu diesem Zweck Marlene Dietrich in den Schlamm der eigenen Indifferenz herunter.

Jetzt setzte das ZDF-Kulturmagazin aspekte einen drauf und verbreitete die Behauptung, Marlene habe als Spitzel für das FBI gearbeitet. Und unterlegte seine nur schwach belegten Verdächtigungen mit der sinister triumphierenden Frage, ob die Dietrich "ein IM" gewesen sei. Wie immer die Kontakte Marlenes zum FBI im Einzelnen ausgesehen haben mögen - und selbst wenn sich erweisen sollte, dass sie sich dabei nicht immer einwandfrei verhalten hat: Der Versuch, sie mit Zuträgern totalitärer Regime auf eine moralische Stufe zu stellen, ist ein Skandal. Es war für zahlreiche Emigranten, allen voran Willy Brandt, eine pure Selbstverständlichkeit, westlichen Geheimdiensten Informationen zu liefern. Denn die waren ja Repräsentanten der freien Welt und als solche natürliche Verbündete. Und in den USA herrschte während des Krieges keine McCarthy-Atmosphäre. Es regierte dort eine liberale Administration unter dem antifaschistischen Überzeugungstäter Franklin D. Roosevelt.