Genau 48 Stunden vor der Premiere hat Rainer Ernst etwas getan, was - rasenwissenschaftlich betrachtet - Humbug ist. Er ist auf die Südtribüne des Westfalenstadions gestiegen, dorthin, wo der harte Kern der Fans von Borussia Dortmund sonst die Mannschaft anfeuert, und hat dem gerade wieder frisch verlegten Rasen so etwas wie eine Segnung erteilt. Schaden kann das schließlich nicht. Denn das Spielfeld in Deutschlands schönstem Stadion gilt Freunden des Sports inzwischen als ein Kartoffelacker mit besonders vielen Sitzplätzen drum herum. Und: Die millionenschweren BVB-Profis, in 16 aufeinander folgenden Bundesligaspielen nur ein einziges Mal siegreich, haben das unwegsame Geläuf als Ausrede für ihre Misere entdeckt.

Unten am Erdboden hat Landschaftsarchitekt Rainer Ernst das frische Grün des neuesten Rasenteppichs betastet und ist gemeinsam mit Uli Riesewieck vom Sportamt Dortmund noch mal ein paar Meter abgelaufen, um die kleinen Löcher zu inspizieren, die helfen sollen, das Wurzelwerk zu aerifizieren - oder, wie der Einheimische sagen würde: zu belüften.

"Jedes Sandkorn in der Rasentragschicht ist analysiert", erläutert Rainer Ernst, "wir kennen den genauen prozentualen Staubanteil und überhaupt alles. Aber die Halme selber sind ein Naturprodukt." Und Natur ist unberechenbar. Ob es nun Grashalme sind oder Dortmunds Bundesligaspieler.

Rainer Ernst ist ein Rasen-Guru. An ihm kann es nicht liegen. Ernst lebt mit dem Rasen, den ungehobelte Fußballprofis mit langen Stollen malträtieren. Nebenbei hat der Landschaftsarchitekt mit eigenem Büro in Frankfurt Spielfelder mit integrierter Rasenheizung in den Stadien von Bremen, Bielefeld und Leverkusen angelegt. Man ruft ihn nach Tschechien, Lettland und Usbekistan, um Stadien zu begrünen. Aber ausgerechnet in Dortmunds Superarena, an dem Platz, wo sein Lieblingsverein spielt, vergeht das Grün ebenso schnell, wie den Zuschauern der Spaß am BVB vergeht.

Ernst hat schon alles versucht, was Rasentechnologie heute möglich macht. Doch "wenn der Rasen Probleme hat, ist der Regen einfach tödlich". Das ist so. Speziell im Winter sei der "Schattendruck" auf das Grün katastrophal. Schuld daran ist "die Höhe der Traufkante" im steilen und engen Westfalenstadion. "Im Januar steht die Sonne so tief, dass selbst mittags um eins kein Fleckchen des Spielfeldes mehr Sonne bekommt." Da kann man sich mit dem "Wachstumsmilieu der Rasentragschicht", also dem kunstvoll gemischten und aufgebauten Untergrund des Rasens, noch so viel Mühe geben.

Dortmunds Fans haben inzwischen eine andere Theorie. Wenn es heiligen Rasen gibt, dann, so munkelt man in Dortmunder Kneipen, dann gibt es auch entweihten Rasen. Und genau das sei durch das unerträgliche Herumgetrampel der aktuellen Mannschaft mit dem Rasen passiert.

Rainer Ernst will diese Emotionen nicht gelten lassen. In der noch engeren Arena Amsterdam hat man sich längst darauf eingerichtet, vier- bis sechsmal pro Jahr den Rasen auszutauschen. Im Giuseppe-Meazza-Stadion von Mailand tauscht man zwei- bis dreimal. Das kostet jedes Mal fast eine viertel Million Mark. In Arnheim und demnächst bei Schalke wird das Spielfeld als Schublade aus dem Stadion herausgefahren, damit der Rasen Licht und Sonne tanken kann. Aber jedes Heraus- und Hineinfahren kostet 35 000 Mark. "Da ist es schon wirtschaftlicher, man tauscht mindestens einmal im Jahr komplett aus. Schließlich handelt es sich um das Arbeitsgerät von hoch bezahlten Profis", findet Rainer Ernst.