Es begann mit einer Brille. Modell Eyeline, minus drei Dioptrien auf beiden Augen. Ein Freund schenkte sie mir zum Geburtstag. Du verbringst so viel Zeit im Wasser, sagte er. Du solltest auch dort mitbekommen, was um dich herum vorgeht. Da hatte er Recht. Durch einen Bandscheibenvorfall vor vier Jahren war ich zum Langstreckenschwimmer geworden. Dreimal die Woche eine Stunde. Das hatte mich vor dem OP-Tisch bewahrt. Seitdem gehöre ich zu den schweigsamen Menschen, die das Bad zielstrebig betreten, in sieben Minuten ihre Sachen im Schrank einschließen, das vorgeschriebene Reinigungsbad absolvieren und alsbald in zugeschnürter Badehose am Startblock stehen. Das alles tat ich früher mit der optischen Wahrnehmung einer Blindschleiche. Kontaktlinsen sind im Wasser nämlich eine heikle Angelegenheit.

Das Bad bestand für mich aus verlaufenden bunten Flächen. Ich musste nur die große blaue finden. Im Wasser orientierte ich mich am Boden. Am Ende der gekachelten Linie muss man wenden. So hatte ich es immer gehalten. Und nun das. Eine Schwimmbrille mit optischer Korrektur. Für mich würde sich eine neue Welt eröffnen, versprach mein Freund. Als er aber begann, von weiblichen Fabeltieren mit anmutigem Flossenschlag zu fantasieren, ahnte ich: Er betrat so gut wie nie ein Hallenbad.

Selbst mit minus drei Dioptrien erkennt jeder, dass die Ordnungskräfte an deutschen Beckenrändern nicht aussehen wie bei Baywatch. Wenn ihr Brustumfang den von Pamela Anderson erreicht, sind sie meist männlich. Und der künstliche Palmenhain neben dem Kiosk wird bevölkert von blaulippigen Wesen, die sich vorwiegend von Pommes rotweiß ernähren, zubereitet von burschikosen Damen in ärmellosen Kitteln. So viel wusste ich bereits. Doch nun, wieder ganz unter den Sehenden, hielt ich immer öfter inne, um zu studieren, was mir über einen großen Teil meines amphibischen Lebens entgangen war.

Dieser Herrscher mit der Trillerpfeife

Zum Beispiel diese kleinen Jungs, deren Körpersprache exakt der ihrer Väter gleicht. Immer ein wenig steif in den Hüften, die Arme leicht vom Torso abgewinkelt, schreitet mancher Zwölfjährige einher, als sei er 38 und hielte sich trotz 20 Kilo Übergewicht noch immer für ausreichend sexy. Die tatsächlich 38-Jährigen dagegen hängen gern eine halbe Stunde an der Überlaufrinne des Beckens. Dabei begutachten sie die jungen Mädchen, als wären sie die Zuschauer jener spätabendlichen Fernsehprogramme mit den am unteren Bildrand flackernden 0190-Nummern.

Die Mode, so stellte ich fest, hatte sich stark verändert. Sobald sie dem Alter entwachsen sind, wo man sich genierlich in überweiten Turnhosen versteckt, folgen junge Männer heute einem Dress-Code, der die Schwimmer aussehen lässt wie in knappe Designer-Unterwäsche gekleidet: schwarze oder silbrige Pants mit angeschnittenen Beinchen und dem richtigen Markennamen. So um Mitte 20 herum trägt man das. Und wenn man auch noch Fit for fun liest, schwimmt man sehr entschlossen und zielgerichtet. Viele der - fast immer männlichen - Kampf-Krauler vernachlässigen die Beinarbeit, machen aber obenrum eine Welle, als würden sie mit einem Alligator kämpfen. Frauen dagegen holen sich lieber mit der Beinschere beim Brustschwimmen einen Knieschaden.

Krauler wie Brustler geraten in einem deutschen Hallenbad zwangsläufig in Konflikt mit ihren natürlichen Feinden, den Kaffeekränzchen, die meist in Zweier- oder Dreierformation nahezu bewegungslos im Wasser verweilen. Ein Bild, das unter der Oberfläche an Seekühe erinnert, die in dieser Haltung im Wasser stehen. Ob ich - ohne es zu sehen und zu hören - in all den Jahren wohl auch derart wüste Beschimpfungen von älteren Damen auf mich gezogen habe?