Für die CDU unter Führung Angela Merkels wird es nicht nur darauf ankommen, ihre politische Kampagnenfähigkeit wiederzugewinnen, ihre Parteistrukturen zu reformieren und mit einem moderner wirkenden Führungspersonal Eindruck zu machen. Ihre Einheit kann sie auf Dauer nur sichern, wenn sie ihre programmatische und weltanschauliche Grundlage neu definiert und deutlich macht, welchen Platz im Parteienspektrum sie beanspruchen will. Mit der von führenden Christdemokraten beschworenen "Besinnung" auf die "Grundlagen" und "Werte" der Partei wird es nicht getan sein. Worin diese bestehen und wie sie zu interpretieren sind, dies ist in höchstem Maße undeutlich geworden.

So rufen Führungspersönlichkeiten der CDU dazu auf, man müsse sich wieder stärker an den ethischen und philosophischen Leitlinien der "Sozialen Marktwirtschaft" orientieren - und meinen damit doch ganz Verschiedenes. Eine Richtung, die am profiliertesten vom rheinland-pfälzischen Landesvorsitzenden und Vorsitzenden der CDU-Grundwertekommission, Christoph Böhr, vertreten wird, verlangt die Abkehr vom sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaatsprinzip.

Dieses habe die ursprüngliche Idee der sozialen Marktwirtschaft pervertiert

in Wahrheit aber wüchsen soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Solidarität nur aus der freien Entfaltung der Individuen auf dem Markt und nicht aus staatlicher Fürsorge. Staatlicher Sozialpolitik obliege es, den Einzelnen zu befähigen, sich in der gesellschaftlichen Konkurrenz zu bewähren. Eine umfassende existenzielle Absicherung der Bürger fördere hingegen Passivität und Verantwortungslosigkeit und damit auch den Verfall des moralischen Zusammenhalts der Gesellschaft.

In krassem Gegensatz dazu hält der Sozialflügel um Heiner Geißler, Norbert Blüm oder Rita Süssmuth den Schutz des Einzelnen vor den rauen Gesetzen des freien Marktes für das Hauptanliegen der sozialen Marktwirtschaft. Sie sei keineswegs mit "Kapitalismus" gleichzusetzen - dieses Wort nimmt Geißler nie ohne Abscheu in den Mund.

Die weltanschaulichen Gegensätze zwischen diesen Positionen könnten kaum größer sein. Konservativ aber sind sie beide nicht. Böhr vertritt im Kern eine klassische, liberale Gesellschaftsauffassung im Sinne des Laisserfaire-Theoretikers Friedrich Hayek. Geißlers antikapitalistischer Vorbehalt schöpft aus der katholischen Soziallehre. Beide berufen sich dabei auf das "christliche Menschenbild" als Quelle christlich-demokratischer Identität. Aber aus christlichen Wertmaßstäben - die ja schon als solche theologisch und philosophisch umstritten sind - lassen sich nun einmal keine konkreten Handlungsanweisungen in der Sozial- oder Wirtschaftspolitik ableiten. Im Übrigen will die CDU ja keine konfessionelle Weltanschauungspartei sein, sondern eine "Volkspartei", die folgerichtig auch für Atheisten und Angehörige nichtchristlicher Religionsgemeinschaften offen sein muss. Umgekehrt lässt das Bekenntnis zu einem "christlichen Menschenbild" genauso die Mitgliedschaft in einer sozialdemokratischen, liberalen oder grünökologischen Partei zu. Das "Christliche" taugt als Identitätsmerkmal der CDU wenig.

Die Stärkung des "wertekonservativen" Elements verlangen vor allem die Vertreter der CSU. Darunter verstehen sie die Bewahrung angeblich gewachsener, anthropologisch fundierter Größen wie staatliche Autorität, Familie oder die Identität von Nation und Region. Ihr Geheimnis bleibt freilich, wie sie diese Einheiten verteidigen wollen, wenn sie zugleich Kräfte bejahen, von denen die "gewachsenen Größen" unterminiert werden. Wie bewahrt man etwa das Ideal von der heimatverbundenen Familie, wenn man die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte und die daraus folgende Forderung nach höherer Mobilität der Arbeitnehmer unterstützt? Die CSU führt das Bekenntnis zur Globalisierung im Munde, sperrt sich aber gegen jede Erleichterung von Einwanderung und Einbürgerung.