Haben Sie mal einen fliegenden Fisch gesehen? Wie bitte? Nein, warum?

Falsch. Wenn man eines Tages der Dame gegenüber sitzen sollte, die einem diese Frage stellt, dann am besten keine Fehler machen, einfach ja sagen und sich mit ihr über Fische unterhalten. Denn diese Dame ist etwas ganz Besonderes. Die hat die richtige Ausstrahlung und Geschmack, Schläue, Lässigkeit, eine gute Seele und die Eleganz, die man vielleicht aus Emanuelle-Filmen kennt. Und das sieht auf den ersten Blick ungefähr so aus: eine sandfarbene Wollmütze über glatt geföhnten Haaren, Goldkettchen mit einem kleinen Kreuz unter durchsichtiger Rüschenbluse, dazu ein älteres Modell von einem knielangen Yves-Saint-Laurent-Rock und schwarze Stiefelchen.

Außerdem kann sie so gut starren mit ihren großen, traurigen Augen. Und wenn man meint, die sei schüchtern, nicht richtig bei der Sache, die denkt wohl gerade an etwas ganz anderes, träumt, oder der geht's vielleicht nicht gut, fragt man sie einfach, wo sie jetzt gerade lieber wäre. Wenn sie dann von fliegenden Fischen erzählt, ist alles gut. Die springen aus dem Meer, flattern ein paar Meter, dann tauchen sie wieder unter und schwimmen ganz normal weiter. Toll, oder? Wie das geht? Die haben so kleine Flügel an der Seite.

Chloë Sevigny, 25, nominiert für die beste Nebenrolle in dem Film Boys Don't Cry, lässt sich auch in Interviews nicht davon abringen, lieber von ihrem letzten Segelausflug zu erzählen, als über ihre aktuellen Filme zu reden. Man könnte annehmen, dass diese Dame, die vor ein paar Jahren in New York berühmter war als der amtierende Bürgermeister, mittlerweile ein arrogantes, abgebrühtes Huhn ist. Berühmt war sie in New York schon mit 18, als coolstes Küken von Manhattan und Modeassistentin des Sassy-Magazins, die den kleinen Skatern der Stadt in Geschmacksfragen weiterhalf. Jeden Abend stand sie auf den Gästelisten der besten Clubs ganz oben und turnte als hübschestes Mädchen in Musikvideos von Sonic Youth und den Lemonheads herum.

New York? Da gibt es zu wenig Bäume!

Als Prada-Model neben Kate Moss finanzierte sie sich ihre Drogen und Yves-Saint-Laurent-Kleider. Und als Star in Larry Clarks Film Kids und Heldin einer Sechs-Seiten-itgirl-Huldigung von Jay McInery im New Yorker Magazin konnte sie sich aussuchen, in welchem Film sie als nächstes auftreten will.

Eigentlich sieht Chloë jetzt immer noch genauso aus wie damals, 1998, als sie mit Popstar Jarvis Cocker von Pulp zusammen war und sich bei berühmten Fotografen für Modestrecken ungeschminkt und mit selbst gemachten Outfits vor die Kamera stellte. Vielleicht ist sie ein wenig erwachsener geworden. Aber die aufregendsten Dinge erlebt sie immer noch mit ihrem Bruder und Freunden auf einer kleinen Segelyacht oder nachts, wenn sie immer wieder davon träumt, mit Christina Ricci Sex zu haben, und nicht am Set oder auf einer Party.