Dieses Bild war für ihn Anfang und Ende. 1915 hatte Kasimir Malewitsch einen Rahmen aus zartweißen Farbstreifen auf die Leinwand gemalt und mitten hinein das Schwarze Quadrat - wie das offene Fenster in eine Nacht, von der man nicht weiß, ob sie ewiges Dunkel bedeutet oder einen gleißenden Morgen verspricht. "Gebt die Liebe auf, gebt den Ästhetizismus auf, lasst die Koffer voller Weisheit stehen, denn in der neuen Kultur ist eure Weisheit lächerlich", davon war Malewitsch überzeugt, und sein Viereck sollte das Startsignal für diese Erneuerung geben. Mit dem weiß-schwarzen Unbild wollte er das vertraute Abbild auslöschen und die gewohnte Wahrheit überwinden.

Seine Leinwand sollte sich einer Wirklichkeit öffnen, die noch niemand kannte. Er wollte eine Kunst ohne Abstriche, elementar und schroff.

Dass es Malewitsch auch anders gibt, lieblich und anschmiegsam, ist jetzt in der Bielefelder Kunsthalle zu entdecken. Verdutzt durchwandert man die Säle, und fast wähnt man sich in der falschen Ausstellung, so rasch wechseln die Bilder dort den Stil, die Farben und den Gegenstand. Gezeigt wird das Spätwerk, mit dem sich Malewitsch Ende der zwanziger Jahre vom Extremisten der Moderne zum Weichzeichner wandelte. Wir sehen übersonnte Apfelbäume, heitere Szenen im Park, blasse Körper am See, wir erkennen Cézanne, Renoir, Matisse und stehen vor vielen Rätseln.

Auch die Kunstgeschichte kann sich die willkürlichen Wandlungen bis heute nicht recht erklären. Zumal man erst vor einigen Jahren herausfand, dass Malewitsch diese hingetupften Bilder falsch datiert hatte. Sie gehören nicht zum Frühwerk, wie er uns glauben machen wollte, sondern entstanden erst Jahrzehnte nach seinen unerbittlichen Abstraktionen. Der Impressionist Malewitsch ist eine späte Erfindung, eine Selbstfälschung, die von tiefer Verunsicherung erzählt. Denn dem Aufstieg in die mystische Höhen war ein Aufprall in der Wirklichkeit gefolgt.

Das lautstark und pathosschwer vorgetragene Programm des Suprematismus, dieser Kunst der höchsten Ordnung, fiel binnen kurzer Zeit in sich zusammen.

Von den Sowjets wurde Malewitsch des Formalismus und der Dekadenz geziehen, sein Institut der künstlerischen Kultur hatte man 1926 geschlossen, sogar Gefängnis drohte ihm. Auch seine Hoffnung auf die Unterstützung des Westens war verpufft. Eine Reise nach Berlin hatte ihm zwar einen Achtungserfolg beschert, doch eine Anstellung am Bauhaus Dessau, die er sich so gewünscht hatte, blieb aus. Zurück in Moskau, begann er dann, sich eine stolze, westliche Tradition zu ermalen, er, der eigentlich alle Tradition hatte abschneiden wollen.

Zugleich belebte er seine Ideen einer suprematistischen Kunst. Lange hatte es so geschienen, als sei er an den Grenzen der Abstraktion angelangt, denn nach dem schwarzen Quadrat hatte er zwar noch schwarze Kreuze und Kreise gemalt, später ein weißes Viereck auf weißem Grund, schließlich stellte er 1923 zwei leere Leinwände aus. Doch weiter konnte er seine Bilder dem Gewohnten nicht entrücken, und folglich stellte er das Malen ein und zog sich ganz zurück auf Forschung und Lehre. Erst fünf Jahre später wurde der Künstler Malewitsch wieder lebendig, diesmal mit Bildern, die zwischen Abstraktion und Figürlichkeit pendeln.