Vor kurzem hatte der Berliner Tagesspiegel eine Debatte zwischen dem Christdemokraten Klaus Landowsky und Gregor Gysi veröffentlicht. Beide sind begnadete Rhetoriker und verstehen es, lustvoll die Verfertigung der Gedanken beim Reden vorzuführen. Zwischen dem antikommunistischen und dem sozialistischen Populisten herrschte nicht nur das, was man good vibrations nennt, sondern auch ein Grundkonsens. Beide machten deutlich, dass in Zukunft die Macht in der Stadt am besten zwischen CDU und PDS aufgeteilt werden sollte. Landowsky erklärte: "Jede Gesellschaft in Europa hat eine sozialistische Partei in ihrem Spektrum, das wird auch in Deutschland so werden." Genau das ist wiederum das Credo der PDS. Sie hat leise den Glauben an einen modernen Sozialismus aufgegeben, will nur noch "europäische Normalität" und ihren festen Platz im politischen Spektrum.

Selbstverständlich musste auch der chronische Streit über den Wiederaufbau des Schlosses behandelt werden. Klaus Landowsky warf der PDS vor, sie sei bei diesem Thema "fundamentalistisch befangen" und pflege den Palast der Republik als "SED-Reliquie". Die DDR habe zwar dankenswerterweise zur 750-Jahr-Feier Berlins viele historische Gebäude wiederhergestellt

"aber das Schloss wurde [1950/51] gesprengt. Das ist mein Problem." Gysi: "Sie streiten mit dem falschen Mann." Landowski darauf: "Aha." Gysi: "Ich sehe das nicht alternativ." Er sei gar nicht vom Palast der Republik begeistert. Aber es gebe nun einmal eine DDR-Generation, die mit ihm aufgewachsen sei. "Da gab es Tanz und Theater. Und dort tagte die erste frei gewählte Volkskammer. Wir müssen zu diesem Stück DDR-Geschichte stehen. Aber ich bin auch nicht gegen das Schloss. Ich hätte gern eine Lösung, die beides verbindet." In Interviews setzte Gysi dann noch hinzu: "Übrigens ist das Schloss ganz schön" - eine Bemerkung, die fast wörtlich dem Schlossplädoyer von Gerhard Schröder entspricht. Gysi adaptiert ohnehin immer mehr Schröders Taktik, ideologische Blockaden durch das saloppe "Im Übrigen" zu unterlaufen. "Übrigens" will der PDS-Politiker seine Partei von der Links-rechts- beziehungsweise Ost-West-Barrikade im Berliner Zentrum herunterholen.

Die Pointe aber ist, dass Gysis Forderung nach einer verträglichen Lösung ganz genau der Position aller Schlossbefürworter entspricht. Niemand plädiert ernsthaft für die Rekonstruktion der ältesten Schlosspartie, des vielschichtigen Renaissanceteils an der östlichen Spreeseite. Von Anfang an, seitdem der unermüdliche Werbestratege Wilhelm von Boddien die Schlosskulisse den Berlinern vor die Augen stellte, ging es immer um den Wiederaufbau des barocken Werks von Schlüter und Eosander von Göthe. Nach Osten hin wurde eine Koexistenz mit dem "sozialistischen Zentrum", mit der Palastfassade, dem Marx-Engels-Platz und dem Fernsehturm, durchweg für möglich gehalten.

Gysis Votum für das Schloss ist jedoch keineswegs sensationell. Er stimmt zu, weil im Grunde die Entscheidung gefallen ist, und zwar, wie immer in Deutschland, durch eine Art politischer Osmose. Der Schlossstreit ist durch die Erschöpfung der Konfliktpartner verödet. Die ideologischen Überzeugungen der Gegner erwiesen sich durch die Wiederholung der Argumente als unfruchtbar. Wenn am Ende einer zehnjährigen Debatte nur der asbestsanierte Palast enthüllt würde, hätte ganz Berlin angesichts der Öde des Ortes Sodbrennen. Der pädagogische Zeigefinger der Denkmalschützer und ihr Furor der Authentizität hat alle ermüdet. Die Korona der modernen Architekten hat längst alle ihre Gestaltungsfantasien der Öffentlichkeit vorgestellt. Eine zwingende Idee tauchte nicht auf. Und die PDS hat lange genug und erfolgreich den Palast der Republik als Fanal Ostberliner Identität behandelt. Sie weiß, dass sie nun ihren Anspruch, Partei für ganz Berlin zu sein, am leichtesten mit einem symbolische Opfer untermauert.

Außerdem hat es eine aufsehenerregende kulturpolitische Wende gegeben, die Berlin gleichwohl ziemlich gelassen hinnahm. Der Generaldirektor der staatlichen Museen, Peter-Klaus Schuster, hat die Ost-West-Teilung der Museenlandschaft, die nach dem Mauerfall verewigt werden sollte, revidiert.

Er plädiert für die Rückholung der Gemäldegalerie vom Kulturforum an die Museumsinsel und mithin für die Rekonstruktion dieser einzigartigen Institution. Platz hätte die Galerie im Schloss. Das brauchte Schuster erst gar nicht zu sagen. Damit wäre auch die Frage einer würdigen Nutzung des Schlosses beantwortet.