Eichmanns Götzen ist kein Dokument, aus dem sich wesentlich neue Erkenntnisse über den Entscheidungsgang der "Endlösung" gewinnen ließen. Die Materialien des Eichmann-Prozesses sind in der Forschung weitgehend ausgewertet, die Rolle Eichmanns als Transportchef des Todes bekannt. In den jetzt veröffentlichten rund 1200 Seiten handschriftlichen Erinnerungen, die er während seiner Haft in Israel schrieb und im September 1961 vor der Urteilsverkündung abschloss, gibt er keine neuen Tatsachen preis. Seinen eigenen Anteil an der Vernichtung der europäischen Juden setzt Eichmann systematisch herab, er lügt, verschweigt, verdreht, lässt fort. Was also macht dieses Dokument so gefährlich, dass es fast vier Jahrzehnte der Öffentlichkeit vorenthalten und erst jetzt durch den israelischen Generalstaatsanwalt freigegeben wurde?

Sowenig das Manuskript neue Tatsachen zum Holocaust enthält, so viel sagt es über das Selbstbild der Täter, die den Massenmord geplant und exekutiert haben. Eichmanns Götzen ist neben den Aufzeichnungen des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß ein seltenes Dokument der Selbststilisierung und Selbstinszenierung. Es offenbart noch im Angesicht des Galgens die Hybris, Passion und Kälte, die diese Täter ausgezeichnet haben.

Was an diesem Dokument in Erstaunen versetzt, ist die unerbittliche Selbstgewissheit, mit der Schuld geleugnet, Verantwortung abgelehnt, Einklang mit dem großen Weltengang gefühlt wird.

Als Eichmann den Glaskasten im Jerusalemer Bezirksgericht betrat, erwartete man einen brutalen Sadisten, einen Verbrecher vom Schlage Jagos oder Macbeth'. Dass der beflissene, fast unterwürfige, unscheinbare Mann tatsächlich einer der Hauptorganisatoren des millionenfachen Mordes gewesen sein sollte, war kaum zu glauben. Die Bemühungen des Staatsanwaltes, diese biedere Gestalt in den Architekten des Holocausts zu verwandeln, widersprachen so offenkundig dem Anschein, dass Hannah Arendts These von der Banalität des Bösen in Adolf Eichmann einen geradezu idealtypischen Beweis finden musste.

Und doch trügt das Bild. Erstens waren seit seinen Verbrechen fast zwei Jahrzehnte vergangen. Der Eichmann des Jahres 1961, mittlerweile 57 Jahre alt, besaß nur noch wenig Ähnlichkeit mit dem 30-Jährigen. Zweitens war die Berufung auf Befehl und Fahneneid seine einzig mögliche Verteidigungsstrategie. Drittens: Die jüdischen Zeugen, die Adolf Eichmann zum Beispiel 1938/39 in Wien erlebt hatten, schilderten ihn nicht als linkischen Befehlsempfänger, sondern als einen machtbewussten, kalten SS-Offizier, den nur die täglichen Vertreibungszahlen interessierten. Als Mitglied eines Sonderkommandos des Sicherheitsdienstes der SS (SD) war Eichmann im März 1938 nach Wien gekommen, um Unterlagen der jüdischen Gemeinde zu beschlagnahmen; er nutzte die Chance, die nationalsozialistische Judenpolitik in seiner Dienststelle zu zentralisieren. Bis zum Mai 1939 flüchtete etwa die Hälfte der rund 190 000 österreichischen Juden oftmals Hals über Kopf aus ihrem Land. Eichmanns Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien wurde zum Modell für Berlin und Prag.

Als er im Herbst 1939 den Auftrag erhielt, rund 80 000 Juden aus Mähren und Wien in eine unwirtliche Gegend am San, der Demarkationslinie zwischen den von Deutschland und der Sowjetunion besetzten Teilen Polens, zu deportieren, war er unermüdlich unterwegs, sprach mit Reichsbahnbeamten, verhandelte zäh mit örtlichen Parteiautoritäten und Wehrmachtsbefehlshabern, räumte Hindernisse aus dem Weg, um den Reservatsplan gelingen zu lassen. Eichmann war es, der 1941/42 von Heydrich und dem Gestapo-Chef Müller losgeschickt wurde, um sich vor Ort, in Belzec, Chelmno, Treblinka, Minsk, Auschwitz ein Bild von den verschiedenen Massentötungsarten - Erschießen, Ersticken mit Autoabgasen oder Zyklon B - zu machen und anschließend im Reichssicherheitshauptamt zu berichten. Zu einer Zeit, in der die SS-Führung über die geeignetste Massenmordvariante nachdachte, war er der wichtigste und kundigste Berichterstatter.