Das wird eine merkwürdige Tischrede, die der österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel am Donnerstag beim EU-Gipfel in Lissabon halten wird: eher Plädoyer als Philippika, ein bisschen Liebeswerben um sein sprödes Gegenüber und ein wenig Laudatio auf sich selbst. Wir sind nicht so, ihr tut uns unrecht, schaut auf unsere Taten und nicht auf Haiders Worte: Im Geschäft der Europäischen Union klang das in den vergangenen Wochen immer so, wenn Besuch aus Wien anreiste.

Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union werden diesem Kanzler zuhören, artig und eisig, und der portugiesische Gastgeber wird höflich und hart antworten. Dann kommt der Nachtisch, und alles bleibt, wie es ist: die Sanktionen gegen Österreich, Nadelstiche gegen seinen Kanzler und mehr noch gegen Schattenkanzler Jörg Haider, was beide leichter wegstecken als ihre gekränkten Landsleute, die in großer Mehrheit den "Feschisten" nicht gewählt haben

der Stolz der strafenden vierzehn, die sich im Recht wissen und doch nicht recht weiterwissen, weil sie nicht zurückkönnen und nicht nach vorn wollen, in Richtung Ausschluss.

Und auch die Schaulust der Medien bleibt. Weiterhin werden sie auf die Umgangsformen zwischen Strafenden und Gestraftem achten, mit dem Feinsinn eines Protokollchefs. Wer gibt wem die Hand oder auch nicht, wer hört hin, und wer dreht die Übersetzung im Kopfhörer einfach ab

wer wendet sich mit gespieltem Grausen zur Tür - "ich ess nicht mit einem Faschisten", sagte Belgiens Verteidigungsminister - ,und wer hält lieber am Tisch hart dagegen

wer kommt wie unlängst ein Eurokrat mit Davidstern zur Routinesitzung oder trägt, wie kürzlich ein französischer Minister, eine durchkreuzte Fliege am Revers als Kampfzeichen gegen Österreichs Kanzler und sein modisches Markenzeichen: "Schüssel - non"?

In den Hauptstädten der Gemeinschaft werden die österreichischen Botschafter nicht mehr empfangen. Das habe die Vorbereitung des Lissabonner Gipfeltreffens erschwert, meint ein Wiener Diplomat, und es belege, dass in diesem Europa zwischen bilateralen Kontakten und multilateraler gemeinschaftlicher Arbeit kaum mehr zu trennen sei. Der Mann hat Recht, aber irgendwie geht es bisher doch weiter, mal prinzipiell und mal pragmatisch.