Jeden Morgen pünktlich um acht Uhr entschwebt Kim Tang dem Verkehrsgewühl. In den klimatisierten Höhen eines Büro-Towers loggt er sich in die Welt der Börsen ein. Der 29-jährige Banker krempelt die Ärmel seines hellblauen Button-down-Hemdes hoch und tut, was ein vorbildlicher Bürger eines vorbildlichen asiatischen Stadtstaates wie Singapur zu tun hat: den Reichtum seiner Firma und ihrer Kunden mehren.

Mittags dann, exakt um eins, ist Pause. Kim kommt kurzfristig auf den Boden zurück, um in einer Garküche der Telok Ayer Street eine Portion Dim Sum zu verspeisen. Das Herz berühren lautet die deutsche Übersetzung dieses Potpourris aus kleinen Gerichten wie Frühlingsrollen, Krabbenbällchen oder Schweinsklößchen. Um Kim herum sitzen Chinesen, Malaien, Inder und Europäer, zur Lunchzeit eine einzige Gourmetnation. Ingwer, Curry und Erdnussöl verbreiten ihr Aroma. Aus den Kassettenrecordern der Imbissstände tönt das Geplärre chinesischer Schlagermusik, vermischt sich mit Brutzelgeräuschen aus den Woks, dem Schnattern der Gäste und dem Piepen der Handys zu einer lautstarken Kakophonie. Seelenruhig löffeln Taxifahrer, Bauarbeiter im Blaumann und Sekretärinnen in Etuikleidern heiße Wan-Tan-Suppe oder laden sich geschmortes Gemüse auf die Stäbchen. Trotz aller Alltagshektik gilt immer noch die alte Regel, dass eine gemächliche Mahlzeit die Geschmacksnerven sensibilisiert und die Gesundheit stärkt.

Das sollen auch die Touristen zu spüren bekommen. Der Monat April wird ganz und gar im Zeichen der nationalen Leidenschaft, des Schlemmens, stehen.

Während des Food-Festivals soll sich Singapur in eine gigantische Futtermeile ohne kulinarische Tabus verwandeln. Königskrabben, Haifischflossen, Entenfüße und Seegurken werden sautiert, frittiert und pochiert und von kleinen und großen Küchenchefs zu feurigen Köstlichkeiten verarbeitet. Dass fast alles, was vier Beine hat, vortrefflich mundet, versuchen insbesondere die chinesischen Markthändler ihrer Kundschaft zu vermitteln. Sie bieten lebende Frösche und Schildkröten an und winken befremdeten Touristen mit Hühnerkrallen hinterher. Wer keine Krabben in Chili per Hand zerlegt und die Beine ausgelutscht hat, ist nicht in Singapur gewesen, sagt Kim Tang.

Wie ehedem, als die Löwenstadt noch weniger modernistisch war, bevorzugen die Bewohner ein Essen im Menschengewimmel, das nicht mehr als zwei oder drei Mark kostet. Makan Lah (Lass uns essen gehen) lautet die Aufforderung zu Geselligkeit und kulinarischem Genuss. Während die Garküchenbesitzer früher jedoch mit ihren dampfenden Töpfen auf dem Fahrrad oder mit Holzkarren unterwegs waren, hat sie Lee Kuan Yew - Premierminister von 1959 bis 1990 - sesshaft gemacht. Ihre Arbeitsplätze wurden in überdachte und überschaubare Märkte mit Klimaanlagen verlagert wie zum Beispiel das China Square Food Centre in der Telok Ayer Street, wo sich mehr als hundert Stände wie in einem mehrgeschossigen Einkaufszentrum konzentrieren.

Lunch im Zoo. Zeitgleich mit den Löwen In der oberen Etage manifestiert sich der Zeitgeist besonders gekonnt: Bezopfte Kellnerinnen in Rotgardisten-Uniform servieren im Restaurant Mao den Revolutionscocktail Rote Sonne. Freundlich grüßt die Wachsfigur des Großen Vorsitzenden aus der Glasvitrine. Mao an allen Wänden und in allen Lebenslagen: redend, dichtend, lächelnd. Der Personenkult feiert, in Gestalt der Themengastronomie, ein ironisches Comeback.

Singapur hat ein Faible für Erlebniswelten jedweder Art. Sie spiegeln das kosmopolitische Selbstverständnis des Stadtstaates und sind zudem höchst profitabel. Spaßkonzepte vom Typ durchgestylter Disneyländer sollen vor allem ausländische Gäste anlocken: Im Zoologischen Garten lunchen Touristen zeitgleich mit Raubtieren. Während sie ihre Satay-Spieße in süßsaure Knoblauchsauce tunken, zerfetzen die Löwen hinter der angrenzenden Glasscheibe ihre Fleischbatzen. Im Jurong-Vogelpark pfeifen während des Dinners am Flamingosee gelehrige Papageien, die Paco und Amigo heißen, La Paloma oder spielen Miniaturkorbball. Wenn die Restaurantbesucher ihr Dessert verdrücken, zum Beispiel gebackene Lychees, picken die Vögel für jeden Gast ein Horoskopkärtchen auf - mit rosigen Zukunftsaussichten, versteht sich.