Es scheint gut bestellt um die Erinnerung im Kino. Deutschlands nationalsozialistische Vergangenheit und die systematische Vernichtung der europäischen Juden sind in den letzten Monaten immer wieder Hintergrund und Gegenstand filmischer Erzählungen geworden. Damit allein ist zunächst ein totales Vergessen verhindert und, etwa in Gestalt des Dokumentarfilms Die letzten Tage, ein Bollwerk gebildet gegen Revisionisten wie David Irving, die noch immer die Existenz von Gaskammern leugnen. Zugleich aber fordert die Welle von historisch orientierten Filmen, die von Das Leben ist schön über Jakob der Lügner und Nichts als die Wahrheit bis zu Tee mit Mussolini und Die letzten Tage reicht, zu einer Beschäftigung mit dem heraus, was zwischen Erinnerung und Vergessen liegt.

Hatte es zum Erscheinen von Schindlers Liste und Das Leben ist schön noch Debatten gegeben, ob und wie sich das Mainstream-Kino mit den Mitteln von Melodram oder Komödie dem Thema Holocaust nähern darf, so war spätestens mit den umjubelten drei Oscars für Benignis Film im letzten Jahr ein öffentlicher Konsens erreicht. Der Holocaust hat seinen sicheren Platz im populären Kino gefunden: Das "Märchen zwischen Horror und Komik", so waren sich weite Teile der deutschen Filmkritik sicher, hatte die "Gratwanderung mit Gefühl" gemeistert, "die Bedenkenträger können einpacken". Obwohl Benignis Film zugleich den Zweifel thematisierte, wie eine Komödie vom Holocaust handeln kann, schien dann jedoch paradoxerweise der weltweite Erfolg des Films gegen diese Zweifel immun zu machen.

Bei den folgenden Produktionen spielten entsprechende Bedenken keine besondere Rolle. Die Filmemacher schienen keine Zweifel mehr am eigenen Vorgehen zu hegen, und in der Kritik wurde über die Möglichkeiten filmischer Repräsentation kaum debattiert. Zuvor hatte man sich bei filmischen Erinnerungen an den Holocaust (und nur dabei) immer noch automatisch gefragt, wie Bilder im Kino überhaupt zu ihren Wahrheiten kommen. Nun hat der populäre Film auch dieses Thema in den sicheren Griff bekommen, und die Öffentlichkeit scheint's zufrieden. Doch gerade angesichts dieses Kino-Konsenses gilt es zu diskutieren, welcher Dramaturgie hier eigentlich gefolgt wird und wie dieses Erinnern beschaffen ist: Warum zum Beispiel sind in Die letzten Tage ausschließlich Holocaust-Überlebende zu sehen, die eine glückliche Familie großziehen und ihre Vergangenheit in Kunst, Politik und Erziehung verarbeiten konnten? Wo sind jene Überlebenden, deren Geschichte kein bewältigtes Happy End gefunden hat? Warum zeigt Zeffirellis Tee mit Mussolini die italienischen Faschisten und die deutschen Nazis als eher harmlose Burschen, die sich schon von einer resoluten Dame in die Schranken weisen lassen? Und warum erscheint in Nichts als die Wahrheit der greise Joseph Mengele vor Gericht wie eine Mischung aus Nosferatu und Mephisto, während zugleich der historische Rahmen als mysteriöse Größe im Hintergrund bleibt? Anders gefragt: Wie wird unsere Geschichte?

Radu Mihaileanus mehrfach preisgekrönter Film Zug des Lebens leistet nun einen weiteren Beitrag zur populärkulturellen Bearbeitung des Themas - die ebenso wichtig wie unvermeidbar ist. Sein Weg ist das Märchen: "Es war einmal", beginnt der Dorftrottel Schlomo (Lionel Abelanski) die wunderliche Geschichte seines jüdischen Schtetls irgendwo im östlichen Europa von 1941.

Eine Rückblende lässt ihn atemlos sein Dorf erreichen. Soeben hat er erfahren, dass die deutschen Truppen bereits das Nachbardorf zerstört haben.

Und die Idee, die ausgerechnet Schlomo dem ratlosen Rat der Ältesten daraufhin unterbreitet, ist so abwegig, dass sie gelingen könnte: "Ein falscher Deportationszug. Wir werden die Deportierten und die Deutschen sein!" Ein Abenteuer des Schienenstrangs, das aus dem Einzugsbereich der Deutschen herausführen soll nach Palästina, nach Erez Jisrael.

In Windeseile wird der Zug organisiert, der Holzhändler Mordechai (Rufus) zum deutschen Kommandanten ausgebildet, und für die Wachsoldaten werden die entsprechenden Naziuniformen geschneidert. "Die deutsche Sprache ist sehr hart, Mordechai, präzise und traurig", lautet eine der ersten Lektionen.