Der Strandspaziergang scheitert am Weltuntergang. Sturm trägt die Dünen davon. Riesige Regentropfen zerplatzen am Fensterkreuz - so als gäbe es die Sonne gar nicht mehr. So als wollte sie bis zum Sommer nicht mehr scheinen.

Ein Märztag auf Rómó - ausgleichende Gerechtigkeit für den vergangenen Sommer, als Wolken über der dänischen Nordseeinsel drei Monate lang die Ausnahme blieben.

Die regengefüllten Schlaglöcher auf dem Schotterweg zum Ferienhaus sind zu einem Ozean verschmolzen. Weg sind die Drachen am Himmel, weg die Spaziergänger, die sich am Vortag noch am kilometerlangen und ebenso breiten Strand unter stahlblauem Himmel gegen die Frühlingsstürme stemmten, weg die Kinder mit ihrem Strandspielzeug. Auch egal. Schließlich gibt es das Ferienhaus, es gibt Kerzen und einen Ofen. Wenn schon Weltuntergang, dann wenigstens gemütlich.

Alle paar Minuten ein Paukenschlag in der himmlischen Inszenierung der Frühlingsnacht: Donner zerschlägt die Luft. Grelle Blitze erleuchten das Dünenmeer von Lakolk.

Nur 850 Einwohner zählt Rómó, das seit 1948 über einen 9,2 Kilometer langen Damm mit dem Festland verbunden ist. Über 25 000 Tagesgäste tummeln sich an schönen Sommertagen hier - die meisten von ihnen Familien. 700 000 Passagiere pro Jahr zählt die beliebte Fährverbindung von Havneby nach Sylt - sie ist billiger als der Autozug über den Hindenburgdamm.

Zwei Ampeln tragen die ganze Verantwortung dafür, dass Rómó an solchen Tagen nicht im Chaos untergeht. Zwei Kreuzungen sind die Knotenpunkte, durch die die Blechlawine der Sonnenhungrigen fließt. Im Frühjahr und Herbst gibt es wenig zu regeln: nur ein paar Autos, viel Ruhe. Geisterhaft wirken die überdimensionierten Kreuzungen dann. So als würden die Ampeln nur deshalb die Farben wechseln, um hektische Aktivität vorzugaukeln und so zu tun, als wäre schon Saison. 1250 Ferienhäuser gibt es auf Rómó, dazu ein paar Hotels, ein paar Appartementanlagen, keine Bettenburgen, keine Hochhäuser.

Wer mag, darf sogar offiziell mit dem Auto am Strand fahren. Selbst Verkehrsschilder stecken im Sand: weißer Pfeil nach rechts auf blauem Grund - ein Fingerzeig, auf welcher Seite man die strandhaferbewehrten Verkehrsinseln umfahren soll. Nicht fehlen darf der Hinweis aufs Tempolimit: Maximal 30 Kilometer pro Stunde sind erlaubt. Dem Sturm ist das jetzt egal. Er braust mit 140 Stundenkilometern über Europas breitesten Sandstrand und sortiert die Dünen neu.