die zeit: Herr Minister, vor einem Jahr begann der Kosovo-Krieg. Ihrer Partei, die darüber fast auseinander gebrochen wäre, war das auf dem Parteitag in Karlsruhe kein Wort wert. Verstehen Sie das?

Joschka Fischer: Worüber ein Parteitag diskutiert oder nicht - das habe ich nicht zu kommentieren. Das müssen andere tun. Parteienkrise, Atomkonsens und eigene Verfassung waren aber zu Recht zentrale Themen.

zeit: Die Delegierten haben sich gegen Panzerlieferungen in die Türkei ausgesprochen, die Entscheidung aber nicht mit der Koalitionsfrage verknüpft.

Lässt sich daraus ablesen, dass die Grünen auch in diesem Punkt zum Kompromiss bereit sind?

Fischer: Nein, das sollte man nicht als Weichmacher bezeichnen. Es wäre ein großer Trugschluss, aus diesem Beschluss einen Freibrief für eine Lieferung herauszulesen. Die Koalition hat sich festgelegt auf einen Bewertungsmaßstab, nämlich auf Fortschritte bei den Menschenrechten im Empfängerland - und auf dieser Grundlage werden wir die Entscheidung zu fällen haben. Dass sich die Partei politisch gegen die Lieferung ausgesprochen hat, halte ich für hilfreich.

zeit: Freie Hand haben Sie auch in einer anderen heiklen Angelegenheit bekommen. Sie konnten Ihre Partei überzeugen, die finanzielle Absicherung eines Kernkraftwerkes in China zu akzeptieren, weil im Gegenzug andere Projekte gestoppt werden konnten, zum Beispiel das ukrainische Kernkraftwerk K2R4. Ist K2R4 wirklich vom Tisch?

Fischer: Noch nicht definitiv. Die Koalitionsspitzen haben einen umfassenden politischen Kompromiss vereinbart. Nach China wurden nichtnukleare Systemteile geliefert. Bei K2R4 geht es aber nicht nur um deutsche Positionen, sondern auch um Vereinbarungen der G-7 und um ukrainische Interessen. National sind wir gegen dieses Projekt. In diesem Rahmen gilt es nun vernünftige Alternativen durchzusetzen.