Scharen von Biotechnikern und Spekulanten suchen im menschlichen Erbgut nach Goldgruben. Beinhart ist die Konkurrenz im genetischen Neuland. Drei Hauptrouten führen die Forscher dort hin: Erstens eine gebührenfreie Autobahn, die öffentlich-rechtliche Forscher mit Milliardenaufwand derzeit durch den DNA-Dschungel schlagen. Sie wollen das Neuland voll erschließen, das heißt, den Erbcode bis auf den letzten Buchstaben möglichst präzise entziffern. Er soll dann, quasi als Weltkulturerbe, allen offen stehen. Die grobe Trasse der Genautobahn soll noch in diesem Jahr entstehen und im Jahr 2003 alles entziffert sein. Dieser Weg ist verlässlich, aber langsam. Doch Eile ist geboten, denn geldgierige Genjäger wollen kein gemeinsames Erbe, sondern private Beute.

Zweitens baut deshalb Craig Venter (siehe nebenstehendes Porträt) mit reichlich Risikokapital parallel zur künftigen Autobahn rasch eine Holperpiste querbeet durch die DNA. Diese Piste wird zwar etliche Lücken und Schlaglöcher aufweisen, steht aber bereits kurz vor der Vollendung. Venter will für sich Gene patentieren, und gegen eine Maut auch Anderen die Piste öffnen, die im neuen Land Claims abstecken wollen. Der Andrang ist groß. Denn wer zu spät kommt, den bestraft das Patentamt. Und dort sitzen oft schon Überflieger wie William Haseltine und haben auf das mühsam gefundene Gen bereits Patente angemeldet.

Haseltine und Konsorten benutzen den dritten und schnellsten Weg, um medizinisch wichtige Gene im Erbgut zu finden: Sie überfliegen am liebsten den DNA-Dschungel. Nach ihrer Meinung sind über 90 Prozent des Erbgutes nutzloser "Schrott". Dessen Entzifferung sei glatte Zeit- und Geldverschwendung. Sie meinen, vor allem aktive Gene wären medizinisch wichtig. Diese unterscheiden sich von der übrigen, stillen DNA, indem sie Botschaften produzieren - und damit verraten sie sich den Forschern. Diese suchen gezielt nach Genbotschaften. Denn wer die Botschaft hat, hat auch das Gen - es ist im Wesentlichen deren Spiegelschrift. Jedes Gen enthält nämlich einen Bauplan, und den sendet es als Botschaft an die Eiweißfabriken in den Zellen. Die stellen dann ein entsprechendes Eiweiß (Protein) her. Proteine bilden das Grundgerüst des Lebens.

Die alleinige Entzifferung aller Buchstaben eines Gens ist noch nicht patentfähig. Erst wer dessen Funktion kennt, darf beim US-Patentamt anklopfen. Die Kunst besteht also darin, die entzifferten Gene, die zugehörigen Proteine und eine Krankheit in Zusammenhang zu bringen. Oft genügt es, vorhandenes Wissen zusammenzufügen, denn für häufige Krankheiten ist die gestörte Biochemie oder die Wirkungsweise von Medikamenten recht gut bekannt. Wer eine solche Kausalkette erkennt, darf auf ein Patent hoffen.

Während also viele staatliche Forscher mühsam Wege ins Neuland pfaden, picken sich schnelle Überflieger die Rosinen heraus. "Der Wettlauf um die Entdeckung menschlicher Gene ist längst vorbei", behauptet der 55-jährige Haseltine.

Schon seit etwa drei Jahren seien die medizinisch wichtigsten Gene identifiziert, allein seine Firma Human Genome Sciences Inc. (Hgsi) habe mehr als 7500 entziffert. Ein gutes Drittel hat Hgsi in Patenten angemeldet. Das gemächliche US-Patentamt hat davon allerdings erst rund 120 erteilt.

Als Börsenschlager erwies sich die Nummer 114 in Haseltines Trophäenliste.