Das Leben in einer Großstadt macht die sonderbarsten Balanceakte erforderlich. Viele Leute bedienen sich eines genau austarierten Systems, um an einem solchen Ort zu überleben. Sie fahren regelmäßig in Urlaub, verreisen an den Wochenenden, gehen abends mit Freunden aus. Sie turnen, meditieren oder machen Yoga. Sie suchen psychologischen Rat oder lassen ihre Physis - oder ihre Aura massieren. Es erfordert ein riesiges Maß an Ausgeglichenheit, um im Dschungel der Großstadt zu bestehen. Nicht wahnsinnig zu werden. Ein Mensch zu bleiben.

In New York ist die Liste dessen, was man benötigt, um in der Stadt zu überleben, abermals länger geworden.

Ein neues Komplement soll das Großstadtleben erträglicher machen helfen: ein Hund. Jawohl, ein Hund. In der New York Times stand, dass einige Firmen ihre Mitarbeiter aufforderten, ihre Hunde mit zur Arbeit zu bringen. Offenbar mit Erfolg. Die Angestellten brachten Pudel und Dackel und Terrier und Schäferhunde ins Büro mit. Inzwischen hat eine Organisation namens Pet Sitters International den Take Your Dog To Work Day ausgerufen.

Hunde im Büro, hieß es allgemein, verringerten den Stress. Ein auf Haustierverluste spezialisierter Psychologe sagte, ein Hund sei das perfekte Haustier fürs Büro. Katzen reagierten zu sensibel auf ungewohnte Umgebungen, Hunde hingegen brächten eine angenehme Abwechslung in den Alltag. Ein New Yorker wurde mit der Aussage zitiert, seine vierjährige Hündin sei auch in dem Monat, in dem er krankgeschrieben war, jeden Tag ohne ihn ins Büro gegangen. Ein Arbeitskollege brachte sie ihm jeden Tag nach Hause zurück. Er erklärte sich ihr Verhalten damit, dass sie es zu langweilig fand, den ganzen Tag zu Hause zu sein.

Eine New Yorker Marketingfirma hat Wettbewerbe für Bürohunde veranstaltet mit Preisen für den bestgekleideten und den bravsten Hund. Der Firmenleiter erklärte, Hunde förderten das Gemeinschaftsgefühl im Büro.

Was bedeutet dieser neue Trend? Was sagt er über uns? Sind wir unserer Arbeitsumwelt und unserem Leben so entfremdet, dass wir Hunde brauchen, um uns als Menschen zu fühlen? Fällt es uns so schwer, mit anderen Menschen zu kommunizieren? Ist New York so anonym, dass erst Hunde uns das Gefühl geben, zu Hause zu sein? Leben wir unter solchem Stress, dass unsere Hunde uns helfen müssen zu entspannen? Es scheint sich so zu verhalten. Und es scheint ein New Yorker Phänomen zu sein.

Kameradschaft und Gemeinschaftsgefühl können in New York die merkwürdigsten Formen haben. In einer hyperblasierten und schicken Stadt kann eine unauffällige und gewöhnliche Handlung ein aufregendes Abenteuer sein.