In der öffentlichen Diskussion über das ADS finden wir auf der einen Seite Vertreter der Meinung, dass ADS nur eine Modediagnose sei, dass es eigentlich kein ADS gäbe, auf der anderen Seite wird ADS für eine behandlungsbedürftige Erkrankung gehalten.

In meiner Arbeit als Kinder- und Jugendpsychiaterin finde ich nicht nur die Symptomatik des ADS immer wieder bestätigt, sondern erlebe, dass die Eigenschaften der Betroffenen zunehmend zu Problemen bei Kindern führen, die tatsächlich Krankheitswert erreichen. Um zu verstehen, warum ADS zur "Modediagnose" geworden ist, muss man allerdings nicht nur neurobiologische Erkenntnisse bemühen, sondern die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen mitbetrachten. Krankheit ist ein multifunktionelles Geschehen, und wenn eine Erkrankung in Mode kommt, so hat das meist soziale Ursachen.

Natürlich gab es schon immer Menschen, die man heute mit ADS etikettiert und die auf vielen Kanälen gleichzeitig aufnehmen, manchmal nicht klar sortieren und daraus rasch konsequente Handlungen ableiten können. In ausreichend ruhiger und strukturierter Umgebung entwickeln sie allerdings Produktivität und viele Ideen.

Wie ist die Zunahme des Phänomens ADS zu verstehen? Unsere veränderten Lebensgewohnheiten haben maßgeblich dazu geführt, dass Kinder Mühe haben, sich auf Anforderungen und Erwartungen einzustellen - und deshalb müssen wir trotz aller Neurobiologie doch von Gesellschaft reden. Denn unsere rasend schnelle Leistungs- und Informationsgesellschaft ist erheblich für die Zunahme von Aufmerksamkeitsdefiziten verantwortlich zu machen. Ablenkbaren, impulsiven und unruhigen Kindern wird die Sicherheit genommen, in der sich ihre Eigenschaften positiv entwickeln können. Gleichzeitig wird es in unserer komplexer werdenden Welt immer wichtiger, ausdauernd und konzentriert dabei zu sein, schnell und präzise seine Aufgaben zu bewältigen und seine Chancen zu erkennen und zu nutzen.

Deshalb ist geistige Flexibilität plötzlich eine "Aufmerksamkeitsstörung", starke, emotionale Schwingungsfähigkeit wird zur ungezügelten "Impulsivität", und aus guter Beweglichkeit wird "Hyperkinetik".

Aus dem quirlig-lebendigen Ideenbündel wird dann tatsächlich oft ein nervendes Monster, das als ADS-Kind oft zum Arzt geschleppt werden muss. Und ratlose Eltern müssen Ratgeber lesen, in denen allgemeine Umgangsregeln und Erziehungsprinzipien aufgeführt werden, die so banal wie selbstverständlich scheinen. Tatsächlich sind sie nicht mehr so selbstverständlich, und deshalb ist das gut strukturierte und lebendige und verständnisvoll geschriebene ADS-Buch doch ein Bestseller im besten Sinne.

Dr. Rita Rottwilm Neuental