Auf der Harland-and-Wolff-Werft in Belfast haben sie zu Beginn des Jahrhunderts die Titanic gebaut. Doch jetzt ist das Traditionsunternehmen mit seinen 2000 Arbeitsplätzen selber vom Untergang bedroht. Eigentlich sollte hier ab Sommer die Queen Mary II gebaut werden, der größte Luxusdampfer aller Zeiten, nach dem Willen ihrer Auftraggeber ganz in der "britischen Tradition der Seefahrt". Aber das Schiff wird jetzt vom französischen Konkurrenten Chantiers de l'Atlantique gebaut. "Dann sollen sie es doch gleich Marie Antoinette nennen", schimpft ein Gewerkschaftssprecher.

Nimmt man die Nachrichten der vergangenen Monate, dann ist es mit dem Vereinigten Königreich als der Werkbank Europas nicht mehr weit her.

Japanische Automobilhersteller wettern seit Jahren über das starke Pfund und drohen mit der Auswanderung. Toyota baute tatsächlich eine neue Fabrik in Frankreich. Die einst florierende Chip-Produktion auf der Insel musste schwere Rückschläge hinnehmen - unter anderem wurde das Siemens-Werk in der Tyneside erst mal geschlossen. Bei Ford in Ostlondon stehen wohl bald Massenentlassungen an. Und die jüngste und schlimmste Hiobsbotschaft ist natürlich die geplante Zerschlagung der Rover-Gruppe durch BMW, die Zehntausende Arbeitsplätze bei Rover und bei den Zulieferern kosten kann. Die britischen Reaktionen wirken hilflos: eine wutschäumende Boulevardpresse, Schmierereien an BMW-Händlerniederlassungen, Streikdrohungen der Gewerkschaften, eine München-Reise des besorgten Wirtschaftsministers Stephen Byers.

Wenn man etwas näher hinschaut, bestätigt sich der Eindruck freilich nicht, dass eine Massenflucht der ausländischen Investoren eingesetzt hat. In den offiziellen Statistiken ist kein Einbruch festzustellen - ganz im Gegenteil hat der Zufluss von Direktinvestitionen nach Großbritannien 1998/99 gerade wieder einen neuen Rekord verzeichnet. Nach der Zahl der Investitionsprojekte empfangen auf der ganzen Welt nur die USA mehr Gäste aus dem Ausland (und umgekehrt sind die Briten sehr aktiv, wenn es um das Investieren im Ausland geht). Sogar die Deutsch-Britische Handelskammer, die feinfühlig mitten im Rover-Debakel ihre neueste Umfrage veröffentlichte, merkt nichts vom großen Kofferpacken: Die Mehrheit der deutschen Firmenableger auf der Insel finde nämlich, dass ihre Geschäfte von dem starken Pfund sogar positiv beeinflusst seien. Die große Ausnahme sind natürlich die Industriebetriebe, die zu zwei Dritteln darunter leiden.

Besonders der exportorientierte Teil der britischen Wirtschaft hat es schwer.

Aber auch hier sind die Nachrichten inzwischen nicht mehr ganz so düster wie vor drei Jahren, als das Pfund seinen weitgehend unerklärlichen Höhenflug begann. Im vergangenen Jahr haben sich die Geschäftsergebnisse und hat sich auch die Stimmung in der Industrie wieder verbessert. Zahlreiche Firmen haben es geschafft, zu rationalisieren und ihre eigenen Importe - Teile, Rohstoffe, Dienstleistungen - zu steigern. Damit profitieren sie selber vom hohen Pfundkurs. Die Leidtragenden sind natürlich die Arbeitskräfte. Allein im vergangenen Jahr (zum Januar) fiel die Zahl der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe um drei Prozent (oder 122 000), obwohl der britische Arbeitsmarkt insgesamt so gut ausgelastet ist wie selten zuvor.

Für diesen Trend ist das starke Pfund nur die jüngste Begründung. Die Briten beklagen schon seit 1960 den Niedergang ihrer Industrie, der sich schneller vollzogen hat als sonstwo in Europa. Die Suche nach Erklärungen für den Abstieg ist selber schon zu einer Art Boom-Business unter Akademikern geworden. Da gibt es etwa die These vom short termism: dass die Financiers der britischen Industrie - fixe Geldschneider aus dem Londoner Finanzzentrum - zu sehr auf den kurzfristigen Profit schauen und in langfristige Entwicklungen zu wenig investieren. Da werden das Klima und die Besetzung in vielen britischen Chefetagen beklagt: alte Offiziere und Gentlemen, unbewegliche Seilschaften aus den Eliteschulen der Oberschicht. Der traditionelle Dauerkrach mit den Gewerkschaften in den siebziger Jahren wird als Ursache angeführt, das unzureichende Allgemein- und Berufsbildungssystem, die Abschottung mancher Branchen vom internationalen Wettbewerb, die hektischen Wechselbäder der Wirtschaftspolitik. In allen Erklärungen steckt jeweils ein Körnchen Wahrheit.