Spaziergänger gab es viele unter den großen Fotografen des 20. Jahrhunderts, und Walker Evans (1903-1975) war einer der größten. Kein Flaneur der eleganten Sorte, kein rasender Reporter oder poetischer Erzähler, ging er vielmehr als scharfsichtiger Beobachter dem Leben nach. Sah Wirklichkeit unverstellt, wählte aus, was sich seinem intensiven Blick anbot, und formte daraus das Bild seiner Zeit, made in USA. Die formale Strenge seiner in den dreißiger Jahren entstandenen Ansichten eines bäuerlichen Amerika machten ihn berühmt und zum Vorbild einer jüngeren Fotografen-Generation. Jetzt zeigt eine Wanderausstellung des Getty Museum Los Angeles im Essener Museum Folkwang als einziger europäischer Station mit 80 Vintage-Abzügen aus den Jahren 1929 bis 1963 den Klassiker als Interpreten einer urbanen Gegenwelt (bis 2. April). Evans lebte vierzig Jahre in New York. Und fand zwischen Manhattan und Coney Island, als Straßenfotograf und in Subways, seine Bilder einer modernen Metropole, die amerikanische Stadt schlechthin. Ihr Tempo ging in die Stille der Schwarzweißarbeiten ein. Das Grelle, Bunte daran gerann zu beinahe abstrakten Grauwerten. Dahinter steht Evans' obsessive Auseinandersetzung mit den Zeichen der Großstadt, deren Präsenz alles und deren Botschaft nur wenig bedeutet: Werbetafeln, Leuchtreklamen, Filmplakate.

Sie waren für ihn die Signale der Gegenwart und wie die Architektur Teile eines zeitgemäß harten "Alphabets". Menschen spielten darin die Rolle von Passanten. Männliche zumeist. Denn Walker Evans' Metropole war eine Männerwelt, in der Frauen auftauchten, weil das Leben das so mit sich bringt.