Die Serben sind draußen, KFor ist drinnen, und die Flüchtlinge sind wieder zu Hause - aber Frieden ist noch lange nicht: Das ist der Kern der "persönlichen Bilanz", die Nato-Generalsekretär George Robertson Anfang der Woche zum Jahrestag der Luftangriffe auf Jugoslawien gezogen hat.

Ganz undiplomatisch verteilt Robertson Warnungen. An die Europäer, die unter UN-Aufsicht die Hauptverantwortung für den Wiederaufbau tragen: Schickt endlich das versprochene Geld und Personal! An die Einheimischen: "alle ethnischen Gruppen tragen eine große Verantwortung" für den Frieden in der Provinz

"ansonsten riskieren sie, den guten Willen und die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft zu verlieren". An die Nato-Staaten: Zieht keine Truppen ab - denn "die Aufgaben der KFor werden auf absehbare Zeit nicht geringer werden" (Hintergrund: Der oberste Feldherr der Nato im Kosovo, Klaus Reinhardt, hatte am Wochenende prognostiziert: zehn Jahre, mindestens). An Belgrad: Die knapp 40 000 Mann starken KFor-Truppen bewachen sämtliche Grenzen und sind "bereit, jeder Bedrohung zu begegnen, die entstehen sollte".

Den Kritikern des Bombardements schreibt Robertson ins Stammbuch: Der erste Einsatz der Allianz gegen einen souveränen Staat war "gerecht und notwendig", und legal sowieso: Hätte die Nato nicht gehandelt, "würden die, die uns jetzt für das kritisieren, was wir getan haben, uns für das verdammen, was wir nicht getan haben". Ein kleines Eingeständnis macht der Generalsekretär: Er spricht nicht - wie der Bericht des Pentagon - von zivilen Toten als "Kollateralschaden", sondern akzeptiert die Bilanz der amerikanischen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch: rund 500 Tote bei 99 untersuchten Angriffen.