Als er zum ersten Mal erschien, kostete er nichts. Er wurde von Reifenhändlern verteilt. Er war klein und handlich und gerade einmal 400 Seiten dick. Heute ist sein Umfang auf 1488 bibelpapierdünne Seiten angeschwollen. Für die soeben erschienene französische Ausgabe blättert man 52 Mark hin. Die Auflage liegt bei 880 000 Exemplaren. 100 Jahre sind vergangen, seit der erste Guide Michelin als Werbemittel der Firma Michelin für ihre wenige Jahre zuvor erfundenen Luftreifen verschenkt wurde.

Am interessantesten aber ist der Funktionswandel der berühmten roten Bände: Anfangs dienten sie gar nicht als Hotel- und Restaurantführer, sondern als praktische Ratgeber für die damals mit Höchstgeschwindigkeiten von etwa 20 bis 30 Stundenkilometern über die Straßen Frankreichs rasenden Automobilisten - aber auch für reiselustige Radfahrer.

Die Herausgeber versprachen jede Menge nützlicher Hinweise: Die Autofahrer erfuhren, wo sie ihre Kraftwagen mit Benzin und Öl versorgen konnten, wo Mechaniker warteten. Allein 21 Seiten umfasste die ausführliche Reparatur- und Montageanleitung für Autoreifen. Darüber gab es Tipps für die Behandlung von Verbrennungen (Kühlwasser!) und Augenentzündungen (Fahrtwind!). An letzter Stelle wurde erwähnt, wo Unterkunft und Essen zu finden sind.

In den zwanziger Jahren erst zeichnete sich der Wandel vom automobilistischen Ratgeber zum gastronomischen und touristischen Reiseführer ab. Zwar wurden Sterne für Hotels schon von Anfang an vergeben, doch bezeichneten sie lediglich die jeweilige Preiskategorie: von einem Stern von Vollpension unter 10 Franc bis zu drei Sternen für eine über 13 Franc 1920 wird die Bewertung eingeführt, nun gibt es den Guide auch nicht mehr kostenlos, sondern zum Preis von 7 Franc. 1926 erscheint zum ersten Mal die Auszeichnung mit einem Stern für ein besonders gutes Restaurant.

Im Michelin von 1900 sind für Cannes (19 470 Einwohner) aufgeführt: zwei Hotels, zwei Mechaniker, fünf Tankstellen. Der Jubiläumsband des Jahres 2000 verzeichnet für Cannes (68 676 Einwohner): keinen Mechaniker und keine Tankstelle, jedoch etwa 50 Hotels und Restaurants, darunter zwei besternte.

Außerdem erleichtert eine halbseitige Spezialkarte, auf der alle mit mindestens einem Stern bewerteten Etablissements im Umkreis von 20 Kilometern eingezeichnet sind, dem Feinschmecker die Suche.

Die Herausgeber des ersten Guide hatten in ihrem Vorwort behauptet: Dieses Werk erscheint gleichzeitig mit dem Jahrhundert es wird genauso lange leben wie jenes. Dass es noch länger werden wird, konnten sich die Brüder Michelin wohl nicht vorstellen.