Roland Schimmelpfennigs Szenenfolge Vor langer Zeit im Mai, die die Berliner Schaubühne in der meisterhaften Regie von Barbara Frei soeben uraufgeführt hat, ist handlungsarm, fast sprachlos und vollkommen gedankenfrei. In dieser Gedankenfreiheit besteht die eigentliche Leistung des Stücks. Über der Ostberliner Volksbühne prangt das Spruchband "Ohne Glauben leben". Das aber kann der Westen immer noch weit besser. Schimmelpfennig aktiviert den ganzen Fundus der Beckettschen Theatermoderne - die leeren, stummelhaften Dialoge, das Zirkusgestolpere, die stummfilmhafte Slapstickkomik -, doch er verzichtet vollständig auf den metaphysischen Apparat Becketts. Dass diese Trennung funktioniert, dass aus dem Beckettschen Gehampel auch ohne Metaphysik immer noch ein interessanter Abend werden kann, das ist ein Wunder. Vor langer Zeit im Mai ist auf zwei Ebenen verteilt. Oben reden ein "Er" und eine "Sie" über ein Fahrrad und einen Koffer, die irgendwie eine gemeinsame Vergangenheit symbolisieren. Unten fahren vier Ers Rad, und vier Sies stolpern mit Koffern durch eine kleine Sägemehlarena, erst nur ein Er und eine Sie und dann immer mehr. In der strukturalistischen Variationslogik des Stücks ist es ein großes Ereignis, wenn einmal ein Er mit einem Koffer stolpert und eine Sie auf dem Fahrrad kreist. Doch diese Mikroereignisse bedeuten nichts weiter als sich selbst. Immer wieder fahren die Fahrradfahrer, mal allein, mal zu mehreren, scheppernd an eine Wand. Zwischen dem Stolpern und dem An-die-Wand-Scheppern wird gestreichelt und geküsst: Das versteht dann jeder, so wie auch jeder versteht, dass die, die oben über Koffer und Fahrrad reden, das nur tun, weil sie sich nichts mehr zu sagen haben. Diese allereinfachsten Sinnelemente - Zärtlichkeit und Spracharmut - verwendet das Stück so, wie eine Grammatik fürs Deklinieren ein Wort nimmt, das zwar etwas bedeutet, auf dessen Bedeutung es aber fürs Deklinieren nicht ankommt: der Baum, des Baums, dem Baum, den Baum. Die Schaubühne zeigt glanzvolle Schauspieler, die in einer Art Grammatik brillieren: "Hast du ... hast du eigentlich das Fahrrad noch?

Dein Fahrrad?" - "Das Fahrrad? Ja, das Fahrrad - ich weiß nicht. Ich habe das Fahrrad noch." - "Geht es dir gut?" - "Ja."