Wenn alte Wörter nicht ausreichen, braucht man neue. Zum Beispiel Turbokapitalismus. Der amerikanische Ökonom Edward Luttwak erfand den Begriff, weil er etwas beobachtete, das es früher nicht gab: die Unzufriedenheit mit einem Unternehmen, das gute Geschäfte macht. Es könnte ja bessere machen. Diese Gier nach noch höheren Gewinnen führt dazu, dass zwei Großbanken fusionieren und 16 000 Arbeitsplätze streichen, obwohl sie tiefschwarze Zahlen schreiben. Dass der Nahrungsmittelkonzern Unilever trotz steigender Gewinne 25 000 Mitarbeiter entlässt. Der Effekt solcher Maßnahmen: In den vergangenen Jahren ist in Deutschland nicht nur die Arbeitslosigkeit gestiegen, sondern auch die Arbeitsproduktivität. Noch weniger Arbeitskräfte haben noch mehr produziert. Die einen wurden durch Maschinen ersetzt, die anderen härter rangenommen.

Wer hat diese Beschleunigung eigentlich zu verantworten? Wer hat im Turbokapitalismus den Fuß auf dem Gaspedal?

Den Arbeitnehmern, die bei Autoherstellern am Fließband stehen oder bei Banken am Schalter, muss die Antwort einfach scheinen: Es sind die Bosse, die mehr Arbeit in derselben Zeit verlangen. Es sind die Rolf-E. Breuers oder die Jürgen Schrempps, die meinen, man müsse hier streichen und dort einsparen. Es sind, das hätte man früher gesagt, die Kapitalisten.

Schon früher wäre das die falsche Antwort gewesen. Die Kapitalisten sind die, die das Kapital besitzen. Manager besitzen einen Arbeitsvertrag. Sie haben denselben Status wie ihre Mitarbeiter: Sie sind Angestellte des Unternehmens - und gleichzeitig deren Lenker. Auf dieses Paradox haben Institutionenökonomen wie der Amerikaner Adolf Berle schon vor Jahrzehnten hingewiesen. Power without property, Macht ohne Besitz, war das Schlagwort, mit dem sie beschrieben, was damals so neu schien wie heute der Turbokapitalismus: dass man kein Geld braucht, um Macht zu haben. Ein Firmenlenker kann sein gesamtes Gehalt einer Obdachloseninitiative spenden - sein Einfluss schwindet trotzdem nicht. Er bleibt der Herr über Zehntausende von Mitarbeitern. Es ist die Kraft des Amtes, die dafür sorgt, dass im Turbokapitalismus die Manager die Steuerräder in den Händen halten.

Sie halten sie in den Händen, mehr aber auch nicht. Wohin sie fahren, bestimmen andere. Ob Arbeitnehmer oder Institutionenökonom, wer glaubt, die Chefs seien die Chefs, der irrt. Die Vorstände haben nicht nur keinen Besitz, sie haben auch keine Macht, nicht mehr. Sie haben nur noch einen Job, den des Geldvermehrers. Ihre Aufgabe ist es, das Kapital derer zu vervielfachen, die in das Unternehmen investieren, das aber sind nicht die Manager, außer sie halten Aktienoptionen.

Bevor der Kapitalismus den Turbo einlegte, waren die Anleger vor allem andere Unternehmen, einige Großbanken und ein paar Privatleute. Ihr Engagement sahen sie meist als strategische oder als langfristige Anlage. Sie ließen die Manager machen, das gab diesen Macht.

Heute sammeln sich immer mehr Firmenanteile in den Händen von Anlegern, denen langfristig zu lange ist: so genannte institutionelle Anleger, insbesondere Aktienfonds. Kaum ein Großunternehmen, ob in Europa oder den USA, an dem sie nicht beteiligt sind. Die Fonds bündeln das Geld von Menschen aus aller Welt und kaufen die Aktien, die die höchste Rendite versprechen. Nicht selten sind das die Aktien jener Firmen, die aus Tarifverträgen aussteigen und keinen Mann mehr beschäftigen als unbedingt nötig. Das ist der alte Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital. Die einen wollen höhere Gewinne, die anderen einen sicheren Arbeitsplatz.