Als er auf die Welt kam, war sein Vater Student der Rechtswissenschaft.

Später beschrieb er, wie er als etwa Vierjähriger seinen Vater gesehen hatte: Ich saß auf dem Boden neben der Tür. Links von mir stand das Bett, auf dem der Vater lag, in einem langen weißen Nachthemd über der langen Unterhose, eine Zeitung in der Hand. Ich sehe ihn noch mit seinen Schuhen, seinen Socken, seinen Sockenhaltern. Die Mutter ging nervös zwischen Bett und Fenster auf und ab ... An der linken Wand stand ein Spiegelschrank und auf der anderen Seite ganz nah am Fenster ein Toilettentisch. Mutter ist sehr unglücklich. Sie weint. Er schilt sie aus, er schreit sie an, das alles vom Bett aus. Die Mutter fängt an zu schluchzen. Plötzlich geht sie rasch zum Toilettentisch, nimmt den silbernen Becher, den sie am Tag meiner Taufe für mich bekommen hatte, und gießt ein ganzes Fläschchen Jod hinein, so daß die Tinktur überfließt wie Tränen, wie Blut, und das Silber fläckig macht.

Weinend mit ihrem kindlichen Weinen das Gesicht verzogen, führt die Mutter den Becher zum Mund. Ein paar Sekunden zuvor war er sehr schnell aufgesprungen, und ich sehe, wie er in seinem Nachthemd, seinen langen Unterhosen mit großen Schritten auf die Mutter zustürzt und ihre Hand festhält ... und sie zu beruhigen versucht. Meine Mutter fährt fort zu weinen, nachdem er ihr den Becher aus der Hand genommen hat.

Und er fügte hinzu: Der Becher, den ich noch besitze, ist immer noch voller hartnäckiger Flecken. Jedesmal, wenn ich ihn ansehe, muß ich an jene Szene denken. Das Mitgefühl für die Mutter rührt von diesem Tag her. Ich muß unendlich erstaunt gewesen sein, zu entdecken, dass sie nur ein armes, wehrloses Kind war, eine Puppe in den Händen meines Vaters und Gegenstand seiner Quälereien ... Heute, nach Jahren, scheint mir jene Szene eher lächerlich. Wahrscheinlich hatte meine Mutter gar nicht die Absicht, sich zu vergiften ...

Vom Vater heißt es in seinen Tagebuch-Aufzeichnungen, er sei stark wie ein Stier gewesen, aber trotzdem im Krieg nicht Soldat geworden, sondern als untauglich erklärt worden. Dazu meinte der Sohn rückblickend: Das mache ich ihm nicht zum Vorwurf. Auch nicht, daß er uns verlassen und sich von meiner Mutter getrennt hat ... Was ich ihm zum Vorwurf mache, ist, daß er es auf mieseste Art getan hat.

Der Vater hatte das Land verlassen und kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben. Die Mutter, die in Fabriken hart arbeiten mußte, um sich und den Sohn und eine Tochter durchzubringen, glaubte, er sei gefallen. Erst spät ließ sie Nachforschungen anstellen und erfuhr, dass er die Scheidung von ihr durchgesetzt und dass er sein Jurastudium mit einer Doktorarbeit erfolgreich beendet, sich wieder verheiratet hatte und Polizeipräfekt geworden war und schließlich als Anwalt arbeitete.

Aber möglicherweise tat er dem Vater unrecht, der damals vielleicht gar nicht wusste, ob und wo die Mutter lebte. Sie war Französin und war mit den Kindern in ihr Heimatland gezogen und blieb da mehrere Jahre. Wie viele, lässt sich kaum feststellen. Als der Sohn von seinem Monografen gebeten wurde, ihm Lebensdaten anzugeben, antwortete er: Die Angaben, die in meinen Tagebüchern stehen, genügen ... Auch die wahrste Biographie ist zur Hälfte imaginär. Genauigkeit ist esprit de concierge.