Auf Seiten der Gewerkschaft dürfen sich vor allem zwei als Sieger fühlen: Berthold Huber und Harald Schartau, die selbstbewussten Leiter der beiden mächtigsten IG-Metall-Bezirke in Baden-Württemberg und NRW. Beide haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie von Zwickels rigider Rente mit 60 wenig halten und stattdessen die geschmeidigere Altersteilzeit bevorzugen. Und beide haben in enger Abstimmung dafür gesorgt, dass sich ihr Konzept auch durchsetzt: Huber hat in den zurückliegenden Wochen das jetzt vereinbarte Modell erdacht und in den Verhandlungen den Arbeitgebern nahe gebracht, Schartau hat in der Nacht zum Dienstag den Schlussspurt hingelegt. Da half es, dass auch die Arbeitgeber der beiden Länder das gemischte Doppel mitspielten: Ihre jeweiligen Verhandlungsführer waren stets bei den Gesprächen im anderen Bezirk mit dabei. Der Nordrhein-Westfale Martin Kannegiesser hatte schließlich den größeren Ehrgeiz, seine Unterschrift unter den Pilotabschluss zu setzen. Er wird noch in diesem Jahr Werner Stumpfe als Präsident des Dachverbandes Gesamtmetall nachfolgen, da macht sich ein schöner Tarifvertrag zum Einstand gut.

Lauter Sieger - Nur der Chef der IG Metall hat verloren

Bei so vielen Siegern stellt sich die Frage nach den Verlierern. Klaus Zwickel ist mit seiner Rente mit 60 gescheitert. Für Insider war das seit vielen Wochen abzusehen. Bei einem Treffen der Bezirksleiter am Sonntag abend mochte schließlich auf die Frage, wer für das Modell des Chefs streiken würde, niemand mehr die Hand heben. Das alles müsste für Zwickel so schlimm nicht sein - er könnte sich darauf berufen, dass der deutlich erleichterte Zugang zur Altersteilzeit ein Ergebnis seiner Beharrlichkeit ist. Das Problem ist eher, dass sich Zwickel mit seiner Sturheit selbst im Weg steht. Auf das Ergebnis komme es an, "wir sind keine Modellfetischisten", ließ er am Dienstag wissen. Das hört man gern - dumm nur, dass er sich immer wieder als solcher aufführt.

Bis zuletzt hat Zwickel die Altersteilzeit als untaugliches Instrument verdammt. Noch in der vergangenen Woche bestritten er und seine Mitstreiter aus der Frankfurter Gewerkschaftszentrale vor der versammelten Presse empört, dass in den regionalen Tarifverhandlungen de facto über den Ausbau der Altersteilzeit verhandelt würde. "Nein, das ist definitiv falsch." Diese Aussage war schon da sehr gewagt. Angesichts des Ergebnisses vom Dienstag lässt sich der Eindruck kaum vermeiden, dass Zwickel entweder eine empfindliche Niederlage einstecken musste oder nicht wusste, was in den Bezirken läuft - beides macht sich nicht eben gut für einen IG-Metall-Vorsitzenden. Tatsächlich kannte Zwickel das Stuttgarter Modell schon seit ein paar Wochen und musste es wohl oder übel billigen, er mochte sich nur nicht dazu bekennen - wohl aus taktischen Gründen. So kann man sich in eine ziemlich blöde Ecke taktieren. Und die Fakten werden nicht in der Zentrale, sondern in den Bezirken geschaffen.

Eine strategische Meisterleistung ist dem IG-Metall-Intellektuellen Berthold Huber dafür in einem anderen Bereich gelungen: Als Preis für die Beschäftigungsbrücke verzichten die Gewerkschafter vorerst auf weitere Verkürzungen der Wochenarbeitszeit, und manche tun es nur allzu gern. Der Clou dabei: Werden die Verträge in einem Bereich gekündigt, stehen automatisch auch die des anderen zur Disposition. Soll heißen: Nimmst du mir meine Altersteilzeit, rücke ich dir mit der 32-Stunden-Woche zu Leibe. Wollen andersherum die IG-Metall-Hardliner partout an der Arbeitszeitschraube drehen, sägen sie zwangsläufig an der Beschäftigungsbrücke. So etwas nennt man ein Gleichgewicht des Schreckens, und das hat schon verbissenere Gegner als jene in der Metallindustrie zum Frieden gezwungen.