Die Theateradresse "Unter den Linden" gibt es zweimal in Deutschland, und die schöneren Linden stehen in Melchingen, oben auf der rauen schwäbischen Alb.

Dort ist vor 19 Jahren eine Gruppe von Schauspielern und Autoren in ein Gasthaus mit Scheune, den Lindenhof, eingezogen. Sie machen Heimattheater, wie es nirgendwo sonst existiert: Heimat wird nicht verklärt, sondern erforscht, im Geiste verlassen, auf die Reise mitgenommen. Die Spieler brechen auf ins Vergangene (zu den Hexenverfolgungen, zu Hölderlin, ins "Dritte Reich"), ins Mögliche (zu den Erfindern, Rebellen, Verlorenen der Alb), in die Natur: Sie spielen zu Wasser und zu Lande, in Bäumen und in dahinrasenden Zügen. Ihr Verzauberungswille ist so umfassend, dass ein wenig Zauber immer hängen bleibt an den Landschaften, durch die sie reisen. Von dieser Kunst ist seit vielen Jahren der Berliner Regisseur und Schauspieler Manfred Karge angezogen, der jetzt in Melchingen Schillers Räuber inszenierte. Zum ersten Mal hat ein berühmter Trainer die wilden Spieler vom Berge trainiert. Und es ging schief. Fast 30 Jahre zuvor, 1971, hatte er mit Matthias Langhoff an der Berliner Volksbühne eine prägende Aufführung von Schillers Erstling geschaffen. Damals wurde, unter dem irritierten Blick der DDR-Obrigkeit, die Räuberbande zur wichtigsten Figur. Karges Melchinger Versuch besteht aus Nebenfiguren. Der Hauptstädter, der am Berliner Ensemble und am Wiener Burgtheater zu Hause war, verbringt im Lindenhof bloß seinen Urlaub, den er mit ein bisschen Entwicklungshilfe verbindet. Er hat besten Berliner Theaternebel mitgebracht, der mal nach Weihrauch duftet, mal nach Schwefel stinkt. Er lässt unter Zorro-Hüten Black Rider spielen. Er schlängelt sich mit Franz Moor ins Machtinnere und rast mit Karl Moor außen herum. Er schenkt Karl einen Epilog, in welchem der Räuber sich mit neuer Identität zur Ruhe setzen und nah und nackt bei uns sein darf. Er lässt die Melchinger agieren wie ein naives Theaterurvolk, dass die Städter unterhalten und beschämen soll. Mit dem begrenzten Respekt des Ethnologen führt er sie dort hin, wo er sie zu Hause glaubt: in die engagierte Schmiere. Er inszeniert nicht, er dirigiert bloß unterm Scheunengebälk ein "höheres Indianerspiel" (Thomas Mann), und seine Indianer sind nicht von Schiller, sondern von Wilhelm Busch. Für dieses eine Mal versagt der Melchinger Theaterreisezauber. Gereist ist hier nur einer: der Regisseur.