Anfang der zwanziger Jahre verstand sich Adolf Hitler noch als "Trommler", als Wegbereiter für den eigentlichen Führer, der kommen würde, um das deutsche Volk zu erlösen. Aber während seiner Haftzeit in Landsberg nach dem gescheiterten Putschversuch im November 1923 spürte er, dass ihm selbst diese Rolle zufallen oder besser: er sie beanspruchen könnte. Und bald stieß jemand zu ihm, der als der eigentliche Konstrukteur des "Hitler-Mythos" gelten muss: Joseph Goebbels.

Der international renommierte britische Zeithistoriker Ian Kershaw, der vor zwei Jahren mit dem ersten Teil seiner großen Hitler-Monografie weithin Anerkennung fand, geht mit diesem Buch einer der wichtigsten Fragen zum NS-Regime nach: Warum war die Loyalität der Deutschen zur nationalsozialistischen Herrschaft so unerschütterlich, dass sie selbst dann noch hielt, als das Reich schon in Trümmern lag? Kershaws Buch ist nicht neu, aber auch nicht alt. In den siebziger Jahren war er Mitarbeiter von Martin Broszats wegweisendem Forschungsprojekt über Bayern in der NS-Zeit und hatte damals bereits ein Buch zum Hitler-Mythos veröffentlicht, das inzwischen längst vergriffen ist. Für eine englische Ausgabe, die 1987 erschien, hat er die alte Studie so gründlich überarbeitet und wesentlich erweitert, dass man mit Recht von einem neuen Buch sprechen kann. Was jetzt als deutsche Ausgabe vorliegt, ist die Übersetzung dieser englischen Fassung.

Dass nur ein Führer Deutschland retten könne, war keine Erfindung der Nazis, sondern eine allgemeine Hoffnung keineswegs allein auf der Rechten. Die Demokratie hatte in den Zeiten der Weimarer Republik keine großen Chancen.

Was sich die meisten Deutschen nach dem verlorenen Weltkrieg und angesichts der Wirtschaftskrise 1929 bis 1932, die alle Erfahrung sprengte, herbeisehnten, war jemand, der sie aus dem Jammertal hinausführte, in eine bessere Zukunft. Dass dies Hitler sei, glaubten nur die Mitglieder und Wähler der NSDAP. Noch im März 1933 verfehlte Hitlers Partei bei den schon nicht mehr freien Reichstagswahlen die angestrebte absolute Mehrheit. Mehr als 50 Prozent der Deutschen hatten zu diesem Zeitpunkt nicht die NSDAP gewählt.

Kershaw legt überzeugend dar, dass es vor allem die Jahre 1933 bis 1938 waren, die den Hitler-Mythos begründeten. Entscheidend war dabei die Trennung von "Führer" und Partei. Gerade die von Hitler befohlenen Morde an Ernst Röhm und anderen im Juni 1934 verliehen ihm den Nimbus, das Chaos einer drohenden SA-Revolution verhindert zu haben. Während die Kritik an den braunen Bonzen, an "Goldfasanen", Korruption und Vetternwirtschaft während der NS-Zeit nie verstummte, war Hitler von solchen Vorwürfen ausgenommen. Selbst in so elementaren Auseinandersetzungen wie dem Kampf der Nationalsozialisten gegen die Kirche glaubten Bayerns Katholiken, die Politik der Partei geschehe ohne Hitlers Zustimmung. Dass der "Führer" nichts davon wisse beziehungsweise es nur zu erfahren bräuchte, um Abhilfe zu schaffen, gehörte zu den gängigsten Redensarten in Nazideutschland. Die Autorität der NSDAP sank im gleichen Maße, wie der Hitler-Mythos wuchs.

Die außenpolitische Erfolge Hitlers trugen ihrerseits zu dem Eindruck bei, dass alles, was dieser Mann anpackte, ihm anscheinend gelang. So konnte Hitler mit den raschen militärischen Siegen über Polen und Frankreich sogar das Paradox auflösen, dass die Deutschen in ihm vor 1939 vornehmlich einen "Friedenskanzler" sahen, der das Kunststück vollbrachte, eben ohne Krieg Deutschland zur Macht zu verhelfen - ein politisches Problem, das Hitler sorgenvoll beobachtete, weil er kein friedliches, sondern im Gegenteil ein kriegswilliges Deutschland wollte. Als sich jedoch die militärischen Siege einstellten, hatte er diese Skepsis überwunden und wurde nun auch noch zum "größten Feldherrn aller Zeiten". Der Mythos erreichte seinen Zenit - und begann zu erlöschen, als der Erfolg schwand und der Zusammenbruch mit der Katastrophe von Stalingrad Anfang 1943 sowie der Zerstörung deutscher Städte durch alliierte Bomben unabweislich wurde. Und doch hielt der Mythos vom "Führer", der das Kriegsglück noch wenden könnte, bis in die letzten Tage des "Tausendjährigen Reiches".

Aber besaß die deutsche "Erfolgsgemeinschaft" nicht auch eine materielle Basis? Profitierten nicht Hunderttausende von der Vertreibung und Beraubung der Juden, von der Ausplünderung der besetzten Gebiete? Es ist schade, dass Ian Kershaw für diese deutsche Ausgabe offenbar die Zeit gefehlt hat, das 1987 zusätzlich geschriebene Kapitel über das Hitler-Bild der Deutschen und die "Judenfrage" zu aktualisieren. So spiegelt dieses Kapitel den damaligen Diskussions- und Forschungsstand wider, geht nicht auf die seither erschienenen Studien wie die von Friedländer oder Goldhagen ein und lässt damit die wichtige Frage des Antisemitismus als "Kitt" zwischen Regime und Bevölkerung unbeantwortet.