Chef der CDU ist man entweder sehr lange oder sehr kurz. Konrad Adenauer war es 16 Jahre, Helmut Kohl 25. Dazwischen, von 1966 bis 1973, drängten sich Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger und Rainer Barzel. Wolfgang Schäuble brachte es als Kohls Nachfolger auf gerade mal 17 Monate. Das war wieder, wie beim Erbfall Adenauer, eine Übergangsphase. Geht sie am kommenden Wochenende auf dem Essener Parteitag zu Ende, und beginnt mit der Wahl von Angela Merkel die nächste Großepoche in der Unions-Geschichte, die dritte? Oder wird auch die neue Vorsitzende nur Episode sein, noch Teil einer Zeit der Wirren?

Dann wären die Jahre um 2000 für die CDU eine ähnliche Durststrecke, wie es die Zeit um 1970 gewesen ist. Es lag nicht allein am Führungspersonal, dass die Parteichefs damals so schnell scheiterten. Die Grundströmung hatte sich gegen die Union gewendet; sie war politisch-kulturell aus der Mode gekommen und an den Rand gedrängt. Nach der katastrophalen Niederlage bei der Bundestagswahl im Herbst 1998 sah es schon danach aus, als werde sich das Schicksal der Marginalisierung wiederholen. Die Erfolge im rot-grünen Pleitenjahr 99 mochten die düsteren Aussichten zwischenzeitlich verdecken. Aber die Spendenaffäre hat die Lage vom Herbst 1998 wiederhergestellt. Sie hat Kohl endgültig vom Spielfeld genommen, auch innerparteilich, wozu das Votum der Stimmbürger offenbar nicht ausreichte. Und die Spendenaffäre hat die Union demoskopisch in jenen 30-plus-x-Prozent-Bereich zurückgedrückt, in dem sie sich schon am Abend der Bundestagswahl zu ihrem Schrecken wiedergefunden hatte. Nach außen bleibt die CDU einstweilen schwach - was immer sich im Innern abspielen mag, an gefährlichem Richtungsstreit oder löblicher Diskussionskultur.

Auch Schönbohm will da hinein, als Vertreter der nach Dregger und Kanther kopf- und gesichtslos hinterbliebenen Konservativen; der hessische Ministerpräsident Koch empfiehlt sich nach seinen Lügereien in der Spendenaffäre nicht als Alleinrepräsentant von Recht und Ordnung. Schönbohm, dem ehemaligen General, der die Nationale Volksarmee der DDR abgewickelt hat, mag das Stimmungshafte der CDU im Umbruch unbehaglich sein. Aber das Kungelwesen der alten Kohl-Partei war ihm kaum weniger fremd, und auch er verdankt seinen Aufstieg dem Verblassen der gewohnten Karrieremuster und Erfolgsrezepte. Als Berliner Innensenator in einer fruchtlosen und halbherzigen Rebellion gegen das System Diepgen stecken geblieben, ist er nach Brandenburg ausgewichen. Dort hat er aus der Not der organisatorischen Schwäche und sozialen Wurzellosigkeit der CDU eine Tugend gemacht und einen lupenreinen "amerikanischen" Einmann-Wahlkampf geführt - wo nichts war, konnte ihn auch nichts blockieren. Nun sitzt er allerdings in Potsdam, einen Säbel als Wandschmuck im Dienstzimmer, und muss sich überlegen, wie in einem Land ohne bürgerliche Kultur eine Basis für konservative Politik zu schaffen ist. Verbrechensbekämpfung und Protest gegen linksliberale Political Correctness in der Ausländerfrage mögen auch im Osten populär sein. Aber wenn es um Abstriche an der Kita-Vollversorgung geht, weil das nicht finanzierbar und die Verstaatlichung des Privaten gar nicht wünschenswert sei - dann gibt es Kopfschütteln, auch bei den eigenen Anhängern und Mitgliedern. Selbstverantwortung und Familienautonomie sind hier keine fest verankerten Werte, auf die die Partei bauen könnte. "Viele wissen gar nicht, warum sie eigentlich in der CDU sind", sagt einer von Schönbohms Mitarbeitern über das fehlende ideenpolitische Bewusstsein. Auch diese Leere gehört zu der Tabula-rasa-Situation, von der Schönbohm profitiert hat. Sie ist die weniger faszinierende Kehrseite der Leichtigkeit, mit der ein einstiger Bundeswehroffizier ausgerechnet in Brandenburg, wo die DDR am gründlichsten gewirkt hat und am zähesten nachlebt, siegreich an die Spitze der Union trat.

Nun wäre es falsch, zu meinen, die CDU sei neuerdings zu einer Partei der unbegrenzten Möglichkeiten geworden, in der nur noch Einzelkämpfer und Massenstimmungen etwas zählen. Angela Merkels Triumph etwa ist weder allein mit ihrer persönlichen Raffinesse noch mit einer unwiderstehlichen Sympathielawine zu erklären, weder als Sololeistung noch als Naturereignis. Die Granden der Partei hätten wahrscheinlich auch einen anderen Schäuble-Nachfolger durchsetzen können, wären sie nicht untereinander so uneins und jeder für sich so ungeschickt gewesen. Volker Rühe hat seine Selbsterledigung auf der politischen Bühne vollzogen, vor den Augen des Publikums: Die Wahl in Schleswig-Holstein, eben noch eine reine Landessache, sollte auf einmal zum Plebiszit über den CDU-Vorsitz werden. Angela Merkel, eben noch eine besonders geschätzte norddeutsche Weggefährtin, hatte plötzlich wegen jahrelanger Kabinettsmitgliedschaft unter Kohl als belastet zu gelten - und als das alles nicht verfing, waren 35,2 Prozent für die CDU in Kiel ein eigentlich hervorragendes Empfehlungsschreiben, die Stabilisierung, die Trendwende. Das konnte niemand mehr ernst nehmen. Bernhard Vogel und Kurt Biedenkopf hätten sich gewiss gern an die Spitze bitten lassen, nur wollte keiner von beiden kämpfen und schon gar nicht den anderen kampflos siegen sehen. Weswegen Biedenkopf auch ein wenig nachgeholfen haben mag, von Vogel das Bild abgewirtschafteter katholischer Onkelhaftigkeit zu verbreiten, mit dem kein Aufbruch zu schaffen sei. Natürlich werden die beiden Ministerpräsidenten in einer in Berlin weitgehend ohnmächtigen Union eine Menge zu sagen haben; auch kann die programmatisch nicht eben profilierte neue Vorsitzende Merkel Gedankenzufuhr gut brauchen. Aber die von Biedenkopf mangels Machtwillens lancierte Kollegialführung wird es nicht geben, wenn Angela Merkel ihr politisches Leben lieb ist. Darauf haben sich auch die vormaligen "jungen Wilden" vom Typus Wulff in Niedersachsen oder Oettinger in Baden-Württemberg einzurichten, die bei aller sonstigen Verschiedenheit doch der Glaube verband, dass ihnen die Zukunft gehöre. Daher waren sie immer als Generalisten zugange, als lauter "angehende Bundeskanzler", wie ein Mitglied der Parteiführung spottet. Nun müssen sie zusehen, wie sie unter den neuen Gesamtstrategen Angela Merkel und Friedrich Merz, dem Fraktionschef, ihre Rollen als Strömungsrepräsentanten oder Fachpolitiker finden. Es ist nicht einfach, aus dem Stand starke Überzeugungen oder überzeugende Kompetenz zu entwickeln. Gäbe es Ratgeber mit Titeln wie Konservativ in einer Woche oder Soziallehre leicht gemacht, sie würden in diesem Kreis eifrige Leser finden.

Gesonderte Betrachtung beim Blick auf die Düpierten der vergangenen Wochen verdient die angeblich so starke und handlungsfähige CSU. Sie hatte sich offenbar vorgestellt, den neuen Fraktionsvorsitzenden anstandslos durchzuwinken, um dafür bei der Bestimmung des Parteichefs ein bisschen mitzureden. Das war schon an sich eine seltsame Idee, denn das gemeinschaftliche Unions-Terrain ist die Bundestagsfraktion, während Einmischungen in die inneren Angelegenheiten der Schwesterpartei unerwünscht sind. Als die Bayern dann anfingen, Angela Merkel als Linksabweichlerin zu verdächtigen, lösten sie Trotz und Solidarisierungen aus, die sie hätten vorhersehen können. Es war, vergleicht ein prominenter CSU-Politiker, wie früher bei Angriffen auf Geißler, Weizsäcker oder Süssmuth: Der ersten Attacke klatschten die Konservativen in der CDU noch lebhaft Beifall. Die zweite wurde schon etwas pikiert aufgenommen. Und die dritte machte die Außenseiter von eben vollends zu Helden ihrer Partei, um die alles sich scharte.

Es war aber nicht bloß unklug von der CSU, Angela Merkel als Linke schlechtzumachen. Es war vor allem eigentümlich irreal, der Kampf mit einem Phantom. Die Generalsekretärin, das erwies sich auf den Regionalkonferenzen, wurde so gut wie nirgendwo und von niemandem als "links" wahrgenommen; sie polarisierte überhaupt nicht. Es waren die älteren Herren, die ihr besonders wehrlos erlagen, und die gestandensten Mütter und Nurhausfrauen dachten gar nicht daran, ihr Defizite an familienpolitischer Wertkonservativität vorzuwerfen. Das Merkel-Phänomen hatte nichts mit Feminismus zu tun. Es schöpfte seine Kraft nicht von daher und weckte auch nicht im Gegenzug die entsprechenden Aversionen. Die Frauen-Union der CDU spielte für die Kandidatur keine Rolle. Das alles war auf einmal Vergangenheit, hier kann man wirklich sagen: alte Bundesrepublik. Denn die Selbstverständlichkeit, mit der sich nun eine Frau nicht als Frau, sondern einfach so durchsetzte, verriet sehr deutlich die Schule der DDR mit ihrer geringeren Kompliziertheit in Sachen gesellschaftlicher Arbeitsteilung der Geschlechter.

In Treffurt wurde im Saal von Zeit zu Zeit ein Transparent entrollt, auf dem zu lesen war: WIR GRÜSSEN UNSERE ANGELA. Das wäre in diesen tollen Tagen noch nicht weiter ungewöhnlich gewesen. Aber unter dem Gruß stand der Absender, CDU EICHSFELD, und der mochte in der Tat frappieren. Das Eichsfeld ist die einzige Gegend in den neuen Ländern, die man "tiefschwarz" im westlichen Sinne nennen kann, katholisch mit fleißigem Kirchgang und Unions-beherrscht mit mehr als bayerischen Wahlergebnissen. Dort hält man Angela Merkel offenbar nicht für gefährlich protestantisch, nördlich, weiblich oder liberal. Sicher: Ostverbundenheit; in Cloppenburg oder Fulda, um vergleichbare Orte im Westen zu nennen, wären solche Transparente nicht gemalt worden. Aber eine bemerkenswerte Unempfindlichkeit für vermeintliche ideologische Unverträglichkeiten zeigt sich hier doch auch.