Seinen Namen will der Pole nicht nennen. "Gib mir 3000 Mark, und ich erzähle." Seinen Vornamen verrät er immerhin kostenlos, der lautet Jarek. "Hier saß Jerry Cotton immer mit seinen Zettelchen." Jarek deutet zum Stammtisch. Seine Hand habe gezittert, aber seine kleinen Buchstaben seien gestochen scharf gewesen. "Ich habe ihm erzählt, und er hat aufgeschrieben."

An der Wand hinter dem Stammtisch hängt ein gerahmtes Schwarzweißfoto. Es zeigt einen bulligen nach vorn gebeugten Mann mit rundem Schädel, hoher Stirn und dicker Hornbrille: Heinz Werner Höber. Als der Pole weiterredet, verwandelt sich Höber allmählich in Jerry Cotton, und "Die kleine Kneipe" in Berlin-Charlottenburg, Wielandstraße 45, wird zur rauen Bronx. "Ich habe ihm erzählt über die Mafia." Das letzte Wort stößt Jarek fast bedrohlich hervor. Er hat Jerry Cotton nicht nur den Stoff für seine Geschichten geliefert. "Ich habe ihm auch geschenkt goldenen Kugelschreiber."

Heinz Werner Höber wurde 1931 als Sohn eines Dachdeckers im Erzgebirge geboren. Lesen gelernt hat er mit Karl May. In den Nachkriegswirren setzte sich der 17-Jährige nach Westdeutschland ab. In Lemgo fand er einen Deutschlehrer, der ihn stark beeinflusste, einen glühenden Antifaschisten.

Den ersten Jerry Cotton schrieb Höber 1955. Weil er mit der Miete für sein Mansardenzimmer hoffnungslos im Rückstand war. Er entschied, dem FBI-Agenten Jeremias Cotton den Glamour der fernen Metropole New York zu geben. Höber saß in Recklinghausen, maß mit einem Lineal im Stadtplan von Manhattan Entfernungen auf dem Broadway. Arbeitete sich durch ein 14 Pfund schweres Handbuch, das er vom FBI aus Washington erhalten hatte (für die 70 Mark Luftfracht musste er seine Wirtin anpumpen), und schrieb ganz wie sein Vorbild Karl May über ein Land, das er nie mit eigenen Augen gesehen hatte. Erst 1970 reiste Höber nach New York, auf Einladung der Gewerkschaft der Polizei.

Cotton hatte Schwächen, aber er war ein Held

"Einen edlen, reinen Helden", hat Höber seine Figur einmal genannt, "zu dem man nach den eilends verdrängten Nazijahren aufblicken konnte." Cotton zeigte zwar menschliche Schwächen, aber er blieb moralisch unangreifbar, ein Mann mit unbeugsamem Gerechtigkeitssinn. Auch die alltäglichen Verrichtungen wie das Trinken gerieten ihm heldenhaft. Zum Beispiel, als er den legendären schwarzen Jaguar mit roten Sitzen kaufte: "Phil und ich tauften ihn mit einer Flasche echten Champagners, indem wir ihm stilgerecht ein halbes Glas vor den Kühler schütteten und den Rest uns durch die Kehle jagten."

Fast jede Woche schrieb Höber 120 Schreibmaschinenseiten. Noch Anfang der siebziger Jahre speiste ihn der Bastei-Verlag mit lächerlichen 1400 Mark pro Heft ab. Höber identifizierte sich bis zum Nummernschild seines weißen Mercedes (LE-JC 1) mit seinem Helden. Aber er behielt den Traum im Kopf, einen richtigen Roman zu schreiben, der von den Kritikern als seriöse Literatur anerkannt würde. Bei Rowohlt sollte es sein, weil das für ihn ein Leuchtturm im Büchermeer war, nach dem Krieg hatte er Tucholsky, Camus und Hemingway in rororo-Heften gelesen. In die Kaste der intellektuellen Autoren wollte er aufgenommen werden. Der Lektor der Rowohlt-Thriller erinnert sich noch heute an die Begegnung mit dem Jerry-Cotton-Autor. "Der konnte seitenlang auswendig Gedichte aufsagen", sagt Bernd Jost bewundernd, "Hölderlin und andere, die kannte ich nicht mal, und ich hab studiert."