Im Alter von 50 Jahren lehrte Jackie Burroughs uns das Fürchten: 1987 verfilmte sie Maryse Holders autobiografischen Briefroman Give sorrow words und spielte selbst die Hauptrolle in der Selbstzerstörungsorgie, die hierzulande unter dem Titel Ich atme mit dem Herzen besichtigt werden konnte. Die Geschichte einer alternden Amerikanerin, die nach Mexiko übersiedelt, um Geld gegen Leben einzutauschen, lässt für Masochisten nichts zu wünschen übrig. Der Hunger nach Zärtlichkeit treibt die emotional ausgeblutete Frau zu den Liegeplätzen der Gigolos. Ekel liest sie von den Lippen ihrer Latin Lovers, aber die Gier nach dem fremden Fleisch ist größer als ihre Selbstachtung. Ein Film, wahnhaft wie das Bestreben der regieführenden Nudistin, um jeden Preis geliebt zu werden. Und doch hat sich jenseits der Selbstentblößung, die Jackie Burroughs im Kampf mit dem eigenen, verwelkenden Geschlecht als nackte Wahrheit propagierte, der Skandal des Alterns im Gedächtnis verhakt. Die hysterische Angst vor einem Identitätsverlust, der ein Gesichtsverlust ist.

Das Schönheitsinstitut - eine Insel der Seligen

Stella's Groove von Kevin Rodney Sullivan ist dagegen ein Rückfall ins Harmoniesüchtige, wie er verlogener nicht sein könnte. Schön wie eine schwarze Nike ist Angela Bassett, vorbildlich in ihrem Bemühen, als geschiedene Geschäftsfrau die Trainingszeiten ihres elfjährigen Sohns Quincey mit den Wellness-Programmen für die Frau über 40 zu vereinbaren. Niemand käme auf den Gedanken, dass es für dieses Energiebündel schwierig sein könnte, einen Liebhaber zu finden, der außer Bildung, Charme und dem organisch Notwendigen auch ein Herz sein eigen nennt. Aber die Affäre muss nach Anderland verlagert werden: in jene exotischen Gefilde, die Amerikanerinnen den Gedanken an Sex offenbar erst ermöglichen. Glatter als Angela Bassetts Gesicht, auf dem Karrieresorge und Einsamkeit Wunder wirken wie eine Schönheitsmaske, ist nur noch Sullivans Inszenierung, die im Ambiente teurer Selbstzweifel der Liebe zwischen Stella und einem 20-jährigen Jamaikaner den Weg ebnet. Der kleine Unterschied kostet Stella im heimischen San Francisco die Achtung ihrer erzkonservativen Schwester, aber Hollywoods Leidenschaft für das gemachte Glück besiegt selbst Oberschichtendünkel. Zumal der Adonis, der bei Stella einzieht, aus gutem Hause ist und Winston Shakespeare heißt. Was macht es da, dass sein Lieblingsfilm König der Löwen ist. So viel Ironie kann ein Film sich leisten, der Emanzipation als plumpe Umkehr erotischer Machtverhältnisse feiert. Im Hintergrund des Films bestätigt Whoopi Goldberg als Freundin der gewissenhaft joggenden Stella, wie es Frauen geht, die sich weigern, Kalorien zu zählen: Sie bekommen moralisch gewichtige Nebenrollen, in denen sie vorzeitig an Krebs sterben.

In Frankreich hat das Thema der reifen Frau und ihres juvenilen Liebhabers eine Tradition, die weder das Tragikomische scheut, etwa in Truffauts Geraubte Küsse, noch die Verlagerung ins Inzestuöse, zuletzt zu bestaunen in Carax' Pola X. Wo aber Tradition ist, kann mit ihr gebrochen werden. Seit Jahren verschieben Regisseurinnen wie Claire Denis oder Laetitia Masson ungerührt ästhetische Grenzen, um einen vorurteilsfreien, von der Conditio humana geschärften Blick auf Mörder (Ich kann nicht schlafen) oder aufmüpfige Arbeitslose (Haben oder nicht) freizugeben. Tonie Marshall hat sich mit ihrem 1993 entstandenen Film Pas très catholique (Die Detektivin) als sanfte Rebellin eingeführt. Seufzer über weibliche Skrupel und den Hang zur Selbstzerfleischung schließt die Lindheit ihrer Ironie nicht aus. Charaktere, die sich, so Tonie Marshall, "noch immer die Frage des Erwachsenwerdens stellen, obwohl sie längst lernen sollten, alt zu werden", finden sich in all ihren Filmen. Aber noch keiner hat für die Verzweiflung, die schwindende Hautelastizität auch bei selbstbewussten forty somethings auslösen kann, eine so umfassende Form(el) gefunden wie Schöne Venus .

Eine Insel der Seligen, liegt das Vénus-Beauté-Institute hinter blau angestrahlten Fensterscheiben, rosig die Muscheln der Kosmetikkabinen und Bräunungsgeräte, jede Angestellte eine Perle. Jenseits der gläsernen Wellenwand graut es dem vorweihnachtlichen Paris vor sich selbst, die Straßen verstopfte Poren, der Körper der Stadt aufgequollen von unerfüllten Wünschen. Schneiderkostüme und Schminke halten auch im größten Epilierungsstress Nadine (Bulle Ogier), die über 50-jährige Besitzerin des Schönheitssalons, zusammen. Die 20-jährige Marie braucht ihr Lachen nicht rot zu färben. Samantha, 30 Jahre alt, älter in ihrem Herzen, glaubt nur an Druckpunktmassagen. Unter dem Make-up des Selbstbetrugs arbeitet Schöne Venus noch jede Nuance der Seelenbemalung so behutsam heraus wie ein Restaurator unter der Patina der Zeit den Ursprung eines schwer zu bewahrenden Freskos.

Nur Angèle versteckt hinter der engelhaften Geduld, mit der sie sich Schönheitsreparaturen widmet, eine Leerstelle. Kein Radikalenfänger vermag ihre Jugendliebe zurückzuholen, kein Aufheller vertuscht die Schatten, die sich über ihre Augen gelegt haben. Die grandiose Nathalie Baye mit ihren 40 Jahren gibt Angèle die Unberührtheit einer Selfmade-Madonna. Sex kann die Mädchenhafte zwar wahrnehmen. Die Liebe aber hält Angèle für Schönheitschirurgie am offenen Herzen. Antoine, ein Mittzwanziger, der sich in ihre Wut verliebt, hat es schwer. Nicht der Altersunterschied ist sein Gegner, sondern Angèles zeit- und generationsübergreifende Angst vor der Tiefe des Gefühls: vor Eifersucht und Entbehrung, die sich in Hass entladen. Fürchte dich nicht, sagt Antoine und gibt damit seine göttliche, wenn auch nicht gerade katholische Liebesauffassung weiter: "An dem Tag, an dem wir uns lieben werden, wirst du weder dumm noch krank, noch böse sein."

Solche Prophezeiungen kommen für Adele (Susan Sarandon) zu spät. Fairerweise muss man sagen, dass die gut 50-Jährige mit der Vorliebe für hautenge Leggings nicht mehr die Wahl hat. Wayne Wangs Überall, nur nicht hier räumt der Frau, die Susan Sarandon als hochtourige Wunschmaschine spielt, nur die Chance ein, aus Träumen zu erwachen. Vor Jahren hat sich Adele für den liebenswerten Langweiler Ted entschieden, der ihr und ihrer Tochter Ann ein Heim in der Provinz bot. Nun sieht sie schwarz für ihre Zukunft: falls ihr und der 14-jährigen Ann (Nathalie Portman), die den Zweckoptimismus ihrer Mutter widerlich findet, in Los Angeles nicht der Durchbruch gelingt. Eine gemütliche Stelle für Adele, eine Villa in Beverly Hills, das Casting, bei dem Ann als Star entdeckt wird, der Drehbücher schreibende Nachwuchszahnarzt für die zumindest diätetisch willensstarke Mama - das kann doch nicht so schwer sein. Kann es doch. Überall, nur nicht hier hat nicht die Vielschichtigkeit, die Wangs Joy Luck Club, eine Verfilmung von Amy Tans Töchter des Himmels als Schlachtengemälde vor- und hypermoderner Frauenschicksale auszeichnete. Aber der Konflikt zwischen einer Mutter, die ihre zweite Pubertät genießt, und einer Tochter, die sich ins Erwachsenwerden verbeißt, wirkt nervig und reizvoll zugleich.