Der Holocaust ist allgegenwärtig. Überall in der Welt, von Washington über Manchester bis Berlin, sind Museen und Gedenkstätten entstanden, neue Lehrstühle und Institute eingerichtet worden. Auch in Großbritannien wird man fortan jedes Jahr am 27. Januar einen "Holocaust Memorial Day" begehen, was in der jüdischen Gemeinde nicht nur auf Beifall stieß. So warnte der Londoner Rabbi Yitzchak Schochet, den die "Fixierung" seines Volkes auf den Holocaust mit Sorge erfüllt, ein solcher Gedenktag könne als Geringschätzung anderer Naziopfer und anderer Völkermorde gedeutet werden.

Es hätte des Prozesses Irving contra Lipstadt/Penguinbooks vor einem Londoner Gericht wahrlich nicht bedurft, um die Aufmerksamkeit der Welt auf die NS-Verbrechen zu lenken. Dass es zum Prozess kam, ist letztlich Folge der Entschlossenheit vor allem jüdisch-amerikanischer Kreise, die Leugner des Holocaust und ihren "Revisionismus" niederzuringen. Aus dieser Motivation heraus schrieb die amerikanische Historikerin Deborah Lipstadt ihr Buch Die Leugnung des Holocaust - der wachsende Angriff auf die Wahrheit und die Erinnerung, in dem sie den britischen Selfmade-Historiker David Irving als "den gefährlichsten Sprecher der Holocaust-Leugnung" bezeichnete - was dieser als Teil einer "konzertierten, internationalen Aktion" der Verleumdung betrachtet, gegen die er vor Gericht zog.

Deborah Lipstadts Buch enthielt in der ersten Fassung offenbar nur wenige Hinweise auf Irving, wie Professor Jehuda Bauer von der Universität Jerusalem 1992 brieflich vermerkte; in dem Schreiben an die Autorin vermisste er die "weltweite Perspektive" wie auch den Hinweis, dass "Irving heute der Hauptvertreter der Holocaust-Leugnung in Westeuropa" sei. Lipstadt hat diesen Hinweis aufgegriffen, woraus Irving vor Gericht sogleich versuchte, Kapital zu schlagen. Wenn er denn ein so gefährlicher Leugner sei, wieso bedurfte es einer Erinnerung, ihn ausführlicher abzuhandeln?

David Irvings Lügen und Täuschungsmanöver

Nun harrt alle Welt gespannt des Urteils, über dem Richter Charles Gray seit Wochen brütet. Bereits vor Beginn des Prozesses wurden manche Beobachter von dunklen Ahnungen befallen. Der Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem bemerkte, der Holocaust gehöre nicht in einen Verleumdungsprozess vor einem britischen Gericht. Es ist nicht undenkbar, dass sich die bangen Erwartungen erfüllen könnten. Auf den ersten Blick mag die Vorstellung unglaublich erscheinen, der Richter könne auch nur einen Moment lang ernsthaft erwägen, dass Irving zu Unrecht der Holocaust-Leugnung geziehen wurde. Namhafte Historiker haben ihn in umfangreichen Gutachten in Grund und Boden verdammt. Richard Evans spricht in seiner 726 Seiten langen Expertise von "einer Fülle von Verzerrungen und Manipulationen". Vor Gericht erklärte er, er habe nie damit gerechnet, auf "solch ein Ausmaß an kalkulierten, absichtsvollen Lügen und Täuschungsmanövern" zu stoßen.

Evans, dessen Studie nach dem Prozess wohl von Penguin als Buch veröffentlicht werden dürfte, gilt als einer der besten britischen Historiker der Gegenwart, ist allerdings kein ausgewiesener Spezialist für die Zeit des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust. Evans weist aber auf einen wichtigen Punkt hin: Weder das Publikum, das Irvings Bücher lese oder seinen Vorträgen lausche, noch Medienvertreter und breite Öffentlichkeit hätten Zeit und notwendige Kenntnis, um das Netz von Lügen und Verdrehungen zu durchschauen. Auch Charles Gray, der zur Elite der Queen's Counsellors zählte, bevor er zum Richter ernannt wurde, ist kein Historiker. Allerdings gilt er als Spezialist für englisches Verleumdungsrecht, das in diesem Fall der beklagten Partei - also Lipstadt/Penguin - den Nachweis abverlangt, dass der Kläger - David Irving - "absichtsvoll" den Holocaust geleugnet habe. Es reicht nicht, ihm antisemitische und rassistische Gefühle und Auffassungen nachzuweisen. Das ist in der alten britischen Demokratie, wo man das Recht auf Meinungs- und Redefreiheit weit auslegt, nicht per se strafbar. Bezeichnenderweise hat die Regierung erst einmal die Absicht aufgegeben, die Holocaust-Leugnung zum Straftatbestand zu erklären, nachdem Bürgerrechtsgruppen unter Verweis auf die Meinungsfreiheit Einspruch erhoben hatten.

Um seine Aufgabe ist Charles Gray wahrlich nicht zu beneiden. Man darf von einem Richter Ihrer Majestät allerdings in aller Regel erwarten, dass er die gesellschaftlichen und politischen Implikationen eines Urteils nicht aus den Augen verliert. Die Reaktionen auf ein Urteil zu Irvings Gunsten kann man sich leicht ausmalen. Rechtsextremisten würden den Erfolg weidlich ausschlachten. Irvings Interpretation des Zweiten Weltkriegs wie des Holocaust gewänne unweigerlich eine gewisse Plausibilität, selbst wenn die Urteilsbegründung jeglicher Missdeutung einen Riegel vorschieben würde.