Als "große Volkspartei der Mitte" hat sich die CDU stets definiert. Tatsächlich ist es über viele Jahre das Erfolgsrezept der Partei gewesen, Wähler und Mitglieder aus unterschiedlichen sozialen und konfessionellen Gruppen unter ihrem Dach zu versammeln. Historisch gesehen, war das eine Neuheit. Vor 1933 hatten deutsche Katholiken und bürgerliche Protestanten niemals in einer Partei gemeinsame politische Sache gemacht. Auch die CDU war personell wie organisatorisch in ihren ersten Jahrzehnten eine zutiefst katholisch gefärbte Organisation, die in der Tradition der Zentrumspartei stand.

Was das zunächst sehr wackelige Nachkriegsprojekt der interkonfessionellen Union unter dem hohen C binnen fünf Jahrzehnten zum Erfolgsmodell im bundesdeutschen Parteiensystem machte, war der feste Kitt des bürgerlichen und kleinbürgerlichen Antisozialismus. Diesen Abwehrreflex gegen den gemeinsamen Feind teilten badische Kleinbauern mit hanseatischen Pfeffersäcken, schwäbische Pietisten mit hessischen Deutschnationalen. Seit Adenauer führten bekanntlich alle Wege des Sozialismus nach Moskau. Und dabei blieb es lange.

Auch die früher so verlässlichen Ressourcen des Katholizismus sind in den neunziger Jahren abhanden gekommen. 65 Prozent aller Katholiken entschieden sich für die Union, als Helmut Kohl 1983 seine erste Bundestagswahl gewann - nur noch 49 Prozent waren es, als er im Herbst 1998 abgewählt wurde.

Von der Festigkeit ihrer Wurzeln in den katholischen und konservativen Lebenswelten hing es früher ab, ob die CDU auch in die ungebundene Mitte der Gesellschaft vordringen konnte. Doch die nachwachsenden Generationen haben sich den institutionellen und normativen Prägungen der christlichen Großkirchen zunehmend entzogen. Die christliche Orientierung einer Partei liegt heute noch knapp einem Drittel der 45- bis 59-Jährigen am Herzen. Bei den 16- bis 25-Jährigen sind es gerade mal sieben Prozent.

Kirchentage waren Hochämter für christdemokratische Politiker

Katholikentage, früher Hochämter für christdemokratische Politiker, sind längst offene Veranstaltungen. Und das katholische Vereinswesen, das die christliche Partei unterfüttert hatte, ist still dahingeschieden. Die eine, in sich geschlossene kirchliche Autorität, die respektheischend über der christlichen Partei thront, sie sicher und dauerhaft zusammenhält, gibt es nicht mehr. Auch die engen Beziehungen der Union zum - seinerseits schwindsüchtigen - Protestantismus sind brüchig geworden. In der Ära Kohl hat der einst bedeutsame Evangelische Arbeitskreis immer mehr an Gewicht innerhalb der Union verloren.

Die früher selbstbewusste "Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft" ist, angeführt von einem evangelischen Pastor aus Ostdeutschland, auf gerade noch 15 000 Mitglieder geschrumpft. Auch die "Frauen-Union" hat ihre Ausstrahlung weitgehend eingebüßt. Entschieden sich bei der Bundestagswahl 1983 noch 50,9 Prozent der Frauen zwischen 35 und 44 Jahren für die Union, so waren es 1998 nur noch 28,4 Prozent. Bei keiner Gruppe hat die CDU so dramatische Verluste erlitten wie bei den jüngeren Frauen.