Schon mit dem ersten Satz steckt die Erzählerin mittendrin: "Meine Mutter hatte nicht genügend Hände, um mich in ihrem Bauch zu halten und auch noch ihren Rücken zu stützen." Suzanne wird dieser Geschichte nicht mehr entkommen, vierzehn Jahre lang, bis zu jenem Sommernachmittag, als ein junger Mann mit Marionetten im Dorf erscheint, das große Festzelt aufgebaut wird und ihre Mutter den Verrat begeht.

Sie leben in einem kleinen Haus am Dorfplatz, so eng stehen die Häuser, dass keiner etwas weitererzählen muss, weil jeder alles hört. Die schöne Mutter hatte einst mit dem schönen Tierarzt eine gesunde Tochter bekommen, sie küssten und liebten sich, bis eines Tages der Vater erschossen wird, aus Versehen bei einer Treibjagd. Und da sind die anderen aus dem Dorf, David, der Witwer, Dr. Bock, Carla, Wanda und vor allem Rudi und Heleen, die beiden mit dem Zwinger, mit der Hundezucht, die wegsollen. Schon im Prolog der Geburt erscheinen sie alle, grenzen ein Leben ein, bevor es beginnt. Als antike Tragödie sind Personen, Ort und Zeit abgesteckt, als Roman reißen die Rückblicke Ausschnitte aus der Kindheit auf, als Geschichte für Vierzehnjährige sehnt sich das Mädchen nach der Wärme eines Jungen. Alles auf 148 Seiten.

"Die Hunde müssen weg", und alle im Dorf unterschreiben die Petition, schließlich auch Suzannes Mutter, die es aufgibt, sich gegen das Dorf zu stellen und damit ihre Freundin Heleen verrät. Es sind nicht die Hunde, um die es geht, es ist die gemeinsame Vergangenheit, die man loswerden will, die Enge, die man nicht erträgt, die sich irgendwo ein Ventil sucht.

Als Wolf der Marionettenspieler mit seiner Vespa im Dorf auftaucht, folgt Suzanne seinem Lächeln, hofft sie auf Befreiung. Vergeblich. "Was willst du in so einem Wespennest?", fragt er sie. "Entweder bohrst du mit dem Finger im Nest, dann bekommst du überall Stiche, und dein Finger schwillt an, oder du rennst ganz schnell weg." Suzanne wählt einen dritten Weg, sie versucht, die Wespen mit einem Stock aufzuscheuchen. Es ist nicht nur eine Geschichte aus einem Dorf, es ist das Dorf in uns, von dem hier erzählt wird.

1998 erhielt Bart Moeyaert den Deutschen Jugendliteraturpreis für Bloße Hände . Keine Schublade passt für diesen 1964 geborenen Dichter, der eine kleine Odyssee durch Kinder- und Jugendbuchverlage hinter sich hat. Die Übersetzerin Mirjam Pressler hat ihn zum Glück begleitet, das kleine Pech ebenso. Diesmal ist es das schreckliche Cover, die verlagsintern so genannte "Fotolösung", wie sie derzeit in der deutschen Jugendbuchlandschaft grassiert. Jedoch: Sollte nur eine lesende Young Miss oder ein Bravo-Boy hinter den beiden jungen Fotomodellen auf Vespabasis diesen grandiosen Roman vermuten - alles wäre gut.

LUCHS 160 wurde ausgewählt von Amelie Fried, Elisabeth Menzel, Jens Thiele und Konrad Heidkamp. Am 6. April, 14.05 Uhr, stellt Radio Bremen 2-Funkhaus Europa seinen Hörern das Buch vor (Redaktion: Marion Gerhard).

Bart Moeyaert:Im Wespennest Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler; Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2000; 148 S., 22,- DM