Wer erinnert sich noch an die Erregung, von der die Intervention der Nato im Kosovo begleitet wurde? Allabendlich erglühte während der Fernsehnachrichten in der oberen rechten Bildschirmecke das Emblem der nordatlantischen Allianz, und der Nato-Sprecher Jamie Shea erläuterte mit seinem unnachahmlichen Lächeln die militärischen Nebenfolgen, die er "Kollateralschäden" zu nennen beliebte. Der deutsche Außenminister, der deutsche Verteidigungsminister und der deutsche Kanzler wurden nicht müde, an Auschwitz zu erinnern, an die moralische Verantwortung, die daraus erwachsen sei, und dass sie für die Deutschen bedeute, niemals wieder Vernichtungslager zuzulassen. Die Kriegsgegner, die sich Ostern zu Friedensmärschen versammelten, bemühten dieselbe historische Verantwortung, nur dass sie ihrer Meinung nach bedeutete, niemals wieder deutsche Soldaten ins Ausland zu schicken.

Augenscheinlich ließen sich aus der deutschen Geschichte höchst unterschiedliche Lehren ziehen, aber der Widerspruch, der in wachem Zustand nahe gelegt hätte, auf Demagogie beider Seiten zu schließen, ging in dem allgemeinen Getöse unter. Zu den Kollateralschäden gehörten offenbar nicht nur die Brücken, die Eisenbahnzüge und Flüchtlingstrecks, die von der Nato versehentlich mitbombardiert wurden, sondern auch die Urteilskraft der Öffentlichkeit. An einem unvergesslichen Tag erschien der Bundesverteidigungsminister abermals auf den Fernsehschirmen (das Nato-Emblem glühte oben rechts) und erklärte, ihm sei durch einen glücklichen Zufall der so genannte Hufeisenplan zugespielt worden, der die serbische Absicht belege, alle Albaner aus dem Kosovo zu vertreiben. Der Argwohn, dass es sich dabei um eine bulgarische Fälschung handele, hat sich inzwischen zur Gewissheit verdichtet; doch lässt sich kaum behaupten, dass die Öffentlichkeit darauf mit besonderer Bestürzung reagiert habe.

Das eigentümliche Phlegma, mit dem zum ersten Jahrestag des Kosovo-Krieges die Bilanz der Fehlschläge, Irreführungen und diplomatischen Versäumnisse zur Kenntnis genommen wird, könnte nur eine gute Erklärung finden: dass sich der Einsatz alles in allem doch gelohnt habe. Aber kann davon die Rede sein? Milocevic, dessen Sturz erklärte Absicht war, ist noch immer an der Macht. Das Belgrader Abkommen blieb weit hinter dem zurück, was das gescheiterte Ultimatum gefordert hatte. Ins Kosovo sind rund 8000 000 Albaner zurückgekehrt, die überwiegende Mehrheit der Serben aber ihrerseits vertrieben. Hass und Gewalt werden von den KFor-Truppen nur mühsam gezügelt. Die Albaner akzeptieren keineswegs den Status der so genannten "substanziellen" Autonomie innerhalb der Bundesrepublik Jugoslawien, die doch das Hauptkriegsziel war. Der UN-Beauftragte für Menschenrechte, der frühere tschechische Außenminister Jirí Dienstbier, hat offiziell festgestellt, dass "das Ziel, Menschenrechte im Kosovo herzustellen, vollkommen verfehlt worden" sei.

Woher also die gelassene, nur hier und da melancholisch gefärbte Selbstzufriedenheit der westlichen Öffentlichkeit? Erinnern wir uns an die Schlagworte der kriegsanfänglichen Debatte. Zu ihnen gehörte auch der so genannte Krieg der Werte. Der Westen wollte ihn haben, und er hat ihn auch bekommen. Zu einem erfolgreichen Krieg der Werte gehört aber nicht unbedingt ein materialer Erfolg; es gehört zum Wesen der Moral, dass sie selbst in der Niederlage triumphiert. Auch wenn weder Massenmord noch Vertreibung verhindert wurden, weder der Diktator gestürzt noch eine haltbare Friedensordnung geschaffen wurde, könnte die westliche Allianz behaupten, sie habe erfolgreich den Willen zur Durchsetzung der Menschenrechte demonstriert.

Das wäre zwar, indem vollständig von den albanischen Opfern abgesehen würde, zu deren Schutz ursprünglich eingegriffen werden sollte, eine zynische und selbstbezügliche Moral. Aber manches spricht dafür, dass der Westen tatsächlich weniger durch den Notstand auf dem Balkan alarmiert war als vielmehr durch den Notstand in seiner eigenen Öffentlichkeit. Die Öffentlichkeit, über jede Gräueltat aus dem Fernsehen informiert, wollte nicht weiter tatenlos zuschauen. Um ihr Erleichterung zu schaffen, aus innenpolitischer Sorge um den Gemütszustand der alliierten Völker wurde eingegriffen, nicht aus Sorge um die Albaner. Erinnern wir uns noch einmal: Was wurde debattiert, was wurde auf der Feinwaage abgewogen? Waren es Schaden und Nutzen eines Kriegseinsatzes? Es war die Frage, was den Öffentlichkeiten der Nato-Staaten zugemutet werden kann. Gar nicht zuzumuten war ihnen ein Bodenkrieg mit dem Einsatz Hunderttausender Soldaten; es durfte damit nicht einmal gedroht werden, obwohl General Naumann wahrscheinlich zu Recht vermutet, dass diese Drohung alleine Erfolg gehabt hätte.

Der Spielraum der Nato, eine vernünftige Lösung zu finden, war von Anfang an begrenzt durch die Stimmungslage der eigenen Bevölkerung. Darum mussten die Bomber in 5000 Meter Höhe fliegen; damit nur ja keiner abgeschossen wird. Darum gab es die Kollateralschäden: weil es wichtiger war, dass die Piloten heimkommen, als dass die serbische Zivilbevölkerung geschont wird.

Die verdrängte Wirklichkeit des Krieges