Unter den deutschen Schriftstellern ist Botho Strauß der letzte Gesellschaftskritiker. Günter Grass, den man dafür halten könnte, weil er öffentlichkeitsnotorisch zur Stelle ist, sobald es etwas zu tadeln gibt, bedient lediglich jenes Reiz-Reaktions-Muster, das von der ehrwürdigen Figur des engagierten Intellektuellen übrig geblieben ist. Es fügt sich bestens in eine Medienwelt, die Kritik, gleich welcher Couleur, als Sensationswert positiv verbucht. Der öffentliche Diskurs gleicht einer permanenten Talkshow, wo en gros eingekaufte Meinungen meistbietend verhökert werden und im weißen Rauschen des schieren Dafürhaltens spurlos verdunsten.

Jüngere Schriftsteller der Marke Generation XY haben diese Mechanik begriffen und ersetzen Kritik durch Affirmation. Ihr Senior heißt Reinald Goetz. In schönster Offenheit nannte er sein vorletztes Buch Abfall für alle . Genau. Ihm geht es nur noch ums Mitquatschen im Chatroom der einverständig Angeschlossenen. Der kürzlich ausgerufene Kampf zwischen "Erlebnis" und "Bedeutung" ist längst entschieden. Erlebnis heißt im Fall von Goetz et al. nichts anderes, als die Reize der Oberfläche abzuschmecken. Bedeutung, die nach einem altmodischen Kunstbegriff von Wahrheit nicht zu trennen wäre, ist passé.

Vom offenen Meer, das Strauß mit seinen Büchern besegelt, schickt er zuweilen Botschaften, von denen nicht immer klar ist, an wen sie sich richten. Jedenfalls nicht an Gesinnungsgenossen. Die hat er nicht, die will er nicht. Vielleicht richten sie sich an diejenigen, die imstande sind, die Hohlräume im Common-Sense-Gefasel wahrzunehmen, und die ahnen, dass Literatur in Wahrheitsdingen radikal sein, die Oberfläche durchdringen muss. Und zwar nicht im Namen einer Tabuverletzung, von der Arnold Gehlen einmal bemerkt hat, sie gehe unter die Haut, aber nicht tiefer. "Jedes Tabu ist besser als ein zerstörtes", sagt Botho Strauß.

Es gibt derzeit keinen Autor, der ähnlich scharfsinnig, unnachsichtig, unversöhnt auf seine Zeit blickte. Das gibt seinen Texten einen hochfahrenden, abweisenden Ton. Darin verbirgt sich die Einsamkeit desjenigen, der sich auf verlorenem Posten sieht, weil er nicht wollen kann, dass sein Standpunkt von einer Mehrheit geteilt wird: "Vielleicht bin ich nur zur Schrift gelangt, um der sozialen Aufgabe zu genügen, etwas zur Empirie und zur Zuversicht des Einzelnen beizutragen" (Niemand anderes , 1987).

Im neuen Prosaband klingen Trauer und Einsamkeit deutlich heraus. Wenn die autobiografische Skizze Die Fehler des Kopisten ein Buch des Lebens war, weil es auch von den glückhaften Erfahrungen des frischen Vaters und Hausbesitzers sprach, so ist Das Partikular ein Buch des Todes. In seinem zweiten Teil, einer Sammlung dialogischer Gedichte, sprechen zwei Liebende zueinander wie aus großer Ferne: "Immer leichter verstehen wir uns, in immer schöneren / Umschweifen gelingt uns zu sprechen, seitdem wir / durch die Siebe des Todes glitten wie Regen."

Wildtaube auf dem weichen Wipfel der Verzweiflung

Das Dilemma, dem Strauß immer aufs Neue nachspürt, ist die Frage, wie nah man einander kommen kann, ohne sich aus dem Auge zu verlieren. "Was wir sehen", so hieß es im Kopisten , "ist durch Nähe versengt. Um jeden Preis muss man wieder entfernen, erhöhen, verschleiern." Und hier, im Partikular , in seinem erzählerischen dritten Teil, heißt es von einer Gutsbesitzerin, die auf ihrem Hof eine Art Landkommune beherbergt, sie habe ihren sterbenden Mann in den Armen gehalten und ihn als "unendlich leichte Fracht" empfunden: "Sie meinte, dass sie ihn erst ganz zum Schluss als das fremde Wesen erkannt habe, das er ihr längst hätte sein können, wenn ihnen rüde Vertraulichkeiten nicht den Blick aufeinander verstellt hätten."